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Der Weg in die Freiheit (FreeStyle-Story, Teil 1)

Begehrlichkeiten

Ist man als T1D-Amateur ein wenig im Netz unterwegs, läuft man unweigerlich dem FreeStyle Libre über den Weg. Ein Gerät, mit dem man seinen BlutGewebezucker abfragen kann.
Ohne in den Finger zu stechen!
Mit dem Handy!!
Inklusive Datentransfer in die Lieblings-App!!1elf!

Genau das Richtige für einen #T1(Ner)D!

Habenwollenundzwarsofortjetztbitteschön!

Im Moment messe ich andauernd. Vor dem Essen. Nach dem Essen. Oh, das fühlt sich gerade komisch an. Vor dem Sport. Ist das vielleicht der Zucker? Mittendrin. 84!  Wo ist meine Schoki?! Danach. Vor der Heimfahrt. Vor dem Schlafengehen. Manchmal auch nachts. Nicht selten sind es 10x am Tag. Um mich zu verstehen. Zur Sicherheit. Um rechtzeitig zu reagieren.

Schon nach 1 ½ Videos zum FreeStyle ist mein Habenwollen-Faktor so astronomisch, wie der Zucker nach dem Genuss von ’ner Tafel weißer Schokolade.
Serviert an einer Tiramisu.
Auf Schokomousse.
Eingewickelt in einen Crêpe.

Was macht das?

Gut, rechnen wir das mal durch. 60,- € kostet so ein Libre-Sensor. Der hält zwei Wochen. 51 durch 2 mal 60 durch 12, das macht… öhhm… 7 hin, 1 im Sinn…  ca. 130,- € pro Monat. Nein, das möchte ich ungern selbst bezahlen.

Die Krankenkassen sind jedoch leider nicht ganz so freizügig. Das Libre sei kein zugelassenes Hilfsmittel, ist die beliebteste Ausrede. Und weil sich „Vorbeugung“ so schlecht in Euros umrechnen lässt, ist der Kundenkontakbeauftragte Graf Zahl auch so schwer zu überzeugen.

Kasse, bitte!

Versuchen kann man es aber trotzdem, denke ich mir und schreibe eine herzergreifende, wenn auch ehrliche E-Mail, die die Schlechtigkeit dieser Welt im Allgemeinen und mein persönliches Leiden im Speziellen beschreibt. Ich schreibe vom Kampf mit dem Tod, naja, dem Tod meiner armen Fingerkuppen… die können doch schließlich auch nichts für den Unsinn, den die Antikörper mit meiner Bauchspeicherdrüse so treiben…  und von den Qualen, die sie als Anhängsel eines exzessiven, berufsbedingten Tastaturnutzers erleiden müssen. Als Mail-Anhang hätte ich am liebsten eine Großpackung Papiertaschentücher mitgeschickt, denn die Sachbearbeiterin habe ich sicher so dermaßen zu Tränen gerührt, dass sie nicht nur ihre Tastatur, sondern gleich das halbe Großraumbüro unter Rotz und Wasser setzt… um anschließend spontan ihren Ehering im Tausch gegen meinen Libre zu versetzen.

3 Tage später bittet die Barmer mich um Rückruf. Ich überlege kurz, ob ich mir Zwiebeln für einen spontanen Tränenausbruch im Falle einer Ablehnung bereitlegen soll, entscheide mich aber dagegen.

Das Gespräch verläuft wirklich überraschend. Nach dem üblichen Austausch der nötigen Fakten (Versicherungsnummer, Hobbies, sexuelle Vorlieben) kommen wir auf den Libre zu sprechen und ich höre die erwartete Standardantwort. Aber noch bevor ich meine Zwiebellosigkeit bereuen und mit einem improvisierten Weinkrampf loslegen kann, bedauert die Mitarbeiterin, dass sie an Verhältnismäßigkeit gebunden sei, Vergleichsrechnungen anstellen müsse und mir daher nur 26 Sensoren im Jahr mit je 55,28 € bezuschussen könne. Mehr sei nicht zu machen.

Ich stutze.
Hat sie gerade gesagt, dass sie die Sensoren fast komplett bezahlen wolle?
Ich frage nach.
Tatsächlich! Meine Barmer zahlt mir die FreeStyle Sensoren!

Das. War. Einfach. (*)

Warten

Jetzt ist Warten angesagt. Und da bin ich nicht sonderlich gut drin. Kennt ihr sicher auch. Bei jeder größeren und vielen kleineren Anschaffungen liest man Testberichte, liest Rezensionen, liest Artikel, redet mit Leuten, überlegt hin und her, um ja die richtige Wahl zu treffen… woch-en-lang… aber hat man sich einmal entschieden, ist selbst Amazon Prime SameDay-Delivery viiiiel zu langsam.

So geht’s mir gerade. Ich warte. Aufs Rezept. Auf die Postkarte. Auf die Post. Auf das Starter-Kit. Auf eine Mail. Auf eine Reaktion. Irgendeine. Bis…

„Wir haben Ihre Bestellung verarbeitet, sodass Sie in Kürze Ihr kostenfreies FreeStyle Libre Flash Glukose Messsystem in den Händen halten.“

Jaaaa!!!
Warten. Auf DHL.

Unterdessen…

… treffe ich meinen ersten T1Dler in freier Wildbahn. Genauer: beim Sport. Er trägt auch einen FreeStyle Libre. Und nicht nur das! Darüber hat er eine Smartwatch gebunden, auf der eine App läuft, die den Libre per NFC abfragt und die Daten ständig ans Handy schickt, wo wiederum die Werte graphisch hübsch aufbereitet werden. Wie cool! Ein DIY-Selfmade-rtCGM. Mit Warnfunktion!

Ich setze direkt mal die Smartwatch auf die Einkaufsliste. #macheszudeinemprojekt

Endlich

12 Tage nachdem ich das kostenlose Starter-Kit angefordert habe, halte ich die Lieferung in meinen Händen. Und bin aufgeregt.

Das Unboxing fühlt sich ein bisschen wie Weihnachten an. Das nächste elektronische Gerät in meiner rasant wachsenden Dia-Sammlung. Ich schaue nochmal ein paar Videos, zur Sicherheit, schließlich habe ich nur einen Sensor, also nur einen Versuch und den möchte ich ungern versauen.

Dann ist es soweit. Ich muss gestehen, diese Nadel ist beeindruckend… groß.

„Oh. Oohhh!  Ich guck dann mal lieber weg.“,

sind die ermutigenden Worte meiner Liebsten. Vor dem Spiegel setze ich an… zöger… der Dia-bad-ass in mir hat sich wohl irgendwohin verkrochen…  und dann drücke ich vooorsii-*KLACK* drin ist er. Huch! Darauf war ich nicht vorbereitet. Ebenso wenig darauf, dass man nichts spürt. Nichts!

Jetzt noch schnell am Scanner und in der App anmelden und dann heißt es wieder: warten. Eine Stunde braucht der Sensor bis er abgefragt werden kann… was auch immer er in der Zeit so tut.

(Fortsetzung folgt.)

 

(*) Wenn man den Spaß mal beiseite lässt, waren wohl zwei Faktoren aussschlaggebend für die Bezuschussung durch die Krankenkasse: die ICT und das häufige Messen (bis zu 10x pro Tag), begründet u.a. durch die Remissionsphase mit den starken Schwankungen des Blutzuckers. Ab einer gewissen Anzahl werden die Sensoren günstiger als die Messstreifen und können dann (teilweise) übernommen werden. Wie jedoch der Wert von 55,28 € pro Sensor zustande kommt, ist ungeklärt geblieben.

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Brot mit Käse 

Iss was, hat sie gesagt. Wenn der Wert vor dem Schlafengehen unter 140 ist, iss eine Scheibe Brot mit Käse oder Wurst, hat sie gesagt. 1 BE, hat sie gesagt. 

126! #yeah 

Ok, vielleicht sind drei Magnum Mint Täfelchen eine sehr freie Interpretation von Brot mit Käse, aber mindestens 1 BE stimmt und Schokolade sind doch auch langsame Kohlenhydrate, oder? 

Mjam, lecker. Gute Nacht! 

Galerie

Später Jugendlicher

Lange sitze ich nicht im Wartezimmer, da kommt mir die Diabetesberaterin schon entgegen und es geht an den anderen Wartenden vorbei direkt ins Zimmer.

Blutzuckermessung (die 2. heute).
Blut abnehmen (2. mal heute).

Dann kommt die Aufklärung. Ich sei wohl ein „später Jugendlicher“. Ein bisschen Stolz flammt in mir auf. Ja, so fühle ich mich auch: jung geblieben; eher so 39 als 41; später Jugendlicher ist ein toller Begriff dafür!

Der Arzt schmunzelt und dann gibt es jede Menge Begriffe, von denen ich so noch nie was gehört habe: LADA, Typ 1, Ketone, ß-Zellen, Antikörper, Autoimmun, … danach ist mir gar nicht mehr so spät jugendlich zumute.

„Ich weiß nicht, ob Sie das tröstet, aber um 1900 herum wären Sie daran noch gestorben.“

Aha. Interessant.

„Wir werden jetzt direkt Insulin spritzen, damit die Werte runtergehen.
Und ab morgen werden Sie das jeden Tag selber machen müssen.“

Aaaha. Interessant.

Ich gucke ganz gespannt dabei zu, wie sie das Insulin in meinen Bauch spritzt. Seltsam. Das bin ich jetzt? Ein Diabetiker? Langsam, ganz langsam macht sich diese Erkenntnis auf den Weg Richtung Verstand, ohne dort wirklich anzukommen.

„Jetzt Nr. 2. Soll ich nochmal oder möchten Sie?“

„Ich? Auf keinen Fall!“, denke ich mir. Dazu braucht man doch geschultes Personal, eine eigene Krankenschwester zum Beispiel, mindestens. Das kann ich doch unmöglich selber! Also sage wild entschlossen:

„Ähh. Ich kann’s ja mal versuchen.“

Es ist kurz vor 11 Uhr und von „ich wollte doch nur einen Termin“ bis „ich spritze mir selbst Insulin in meinen Bauch“ sind gerade mal 3 Stunden vergangen. An manchen Tagen läuft’s halt bei mir, auch wenn es heute nur Insulin und Blut sind.

Irgendwann kommt Blutzuckermessung Nr. 3 und der Wert ist tatsächlich ein wenig niedriger als heute morgen. Mit einer Tüte voll Equipment und etwa sieben Tausend Fragen mache ich irgendwann auf den Weg nach Hause.

Einen Termin, bitte.

Eigentlich wollte ich doch nur einen Termin zum Checkup machen. Wobei, wenn ich ehrlich bin, ein paar Dinge waren mir bereits aufgefallen und gefielen mir nicht. 13kg weniger und das bei meinem Süßigkeitenkonsum? Und dann dieser Durst! Ohne es gemessen zu haben, kam ich inzwischen sicher auf 3-4l.

Dieser Durst

Wobei, messen ist vielleicht eine gute Idee. Da gibt’s doch sicher ne App für. Tatsächlich: Fitbit kann das. Also los!
Samstag: knapp 6l. Oh!
Sonntag: knapp 5l. Oohh!
Na gut, normal war das vermutlich wirklich nicht.

Einen Termin bitte…

Nun stehe ich am Tresen (sic!) der Hausarztpraxis und möchte einen Termin. Das mit dem Gewicht und dem Durst erwähne ich vorsichtshalber mal.

“Mhh… Hat man bei Ihnen schon mal den Blutzucker gemessen?”
“Nö.”
“Na, dann machen wir das mal eben.”

(1 Piekser, ein Blutstropfen und wenige Sekunden später)

“Oh! OH! OHHH!”

Wird sie etwa blass? Ach Quatsch. Aber wenn man diese Worte schon nicht hören möchte, wenn der Mechaniker unter die Motorhaube schaut, dann erst recht nicht bei einem medizinisch geschulten Blick auf die eigenen Blutwerte.

“Sie haben Zucker! Da kann ich Sie jetzt nich’ so einfach gehen lassen. Setzen Sie sich mal!”

Ähm. Aha. Na gut. Und jetzt?