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Zitate aus der Hölle

„Covid ist eigentlich gar nicht so schlimm.“

„Oh, so jung gestorben? Aber naja, der hatte doch bestimmt eine Vorerkrankung.“

„Komm, lasst einfach alle den Virus bekommen. Wenn, sterben doch nur die Alten und Schwachen.“

„Wer ein höheres Risiko hat, soll sich selbst schützen. Ist nicht meine Verantwortung.“

„Wenn die Maske mich nicht schützt, brauche ich auch keine zu tragen.“

„Die paar Toten. So funktioniert die Natur eben. Natürliche Selektion.“

Habt ihr eigentlich den Schuss nicht gehört?

Wie sich so Sätze für mich anfühlen, fragst Du?
Ach. Stimmt. Fragst Du ja gar nicht.
Ich erzähl es trotzdem.

Habe ich Angst? Natürlich hab ich die. Ich sehe Italien und die LKW voller Toten[1]. Ich sehe Massengräber in New York[2]. „Covid ist nicht so schlimm?“ Möglich. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir das mit den LKW und den Massengräbern im letzten Jahr auch schon hatten. Oder in dem Jahr davor. Oder überhaupt irgendwann…

„Das sind nur die Alten und Schwachen.“ Ähm… bitte? „Na, die mit Vorerkrankungen.“ So wie Diabetes? Stimmt, ich vergaß. Auf der nach unten offenen Gleichgültigkeits-Skala liegt der Schulterzuck-Koeffizient von ‚Tod-mit-Covid-und-Vorerkrankung‘ wohl irgendwo in der Nähe von „Oh. Blöd. [schweigen] Und sonst so… was macht die Arbeit?“ Mag den ein oder anderen überraschen, aber auch als Mensch mit Diabetes lebe ich ganz gerne. Morgen bitte auch noch. Fühl ich mich „schwach“? Scheiße ja, manchmal schon. Vorerkrankung? Definitiv. Weniger wert? Öhm… nein!

„Wenn Du gut eingestellt bist, soll das halb so wild sein.“ Natüüüürlich. Bloß endet dieses ‚gut eingestellt‘ bereits beim Beginn eines jeden mittelschweren Schnupfens. Dann ist Kirmes in der Blutbahn und der Zucker fährt Disco 2000… nur rückwärts… mit geschlossenem Verdeck… und etwa so schnell wie ’ne Zentrifuge im russischen Kosmonauten-Trainingslager. „Huiiiiii!“ Wenn ich mir dann vorstelle, statt Klein-Erna-Erkältung kommt Nachwuchs-Charlie-Covid um die Ecke… dann? Dann braucht das Körperwerte-Katastrophen-Management vor allem eins: Zeit. Ich hab‘ viel Phantasie, aber für die Vorstellung, dass das in einem ausgelasteten Krankenhaus auch nur im Ansatz funktionieren würde, reicht sie dann doch nicht aus.

„So ist das mit der Natur.“ Jo, hast recht. Zurück zu ‚Survival of the Fittest‘ und natürlicher Selektion. Was soll das auch mit all den gesellschaftlichen Errungenschaften, der Solidarität und gegenseitigen Rücksichtnahme. Wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht.

Ob ihr den Schuss nicht gehört habt, hab ich gefragt!?

Durchatmen.
Geht schon wieder, danke.

Panik? Nein.
Todesangst? Auf gar keinen Fall.
Wut? Hat man das etwa gemerkt?

Die so leichtfertig und mit einem unfassbar egoistischem Selbstverständnis geposteten Äußerungen, gerne mit Spott und Empörung garniert, sie relativieren den Wert eines Menschen. Reduzieren ihn. Das macht mich so wütend! Die Risiken werden hingenommen, die Konsequenzen akzeptiert, sind ja nicht die eigenen. Verantwortung? Etwa für das eigene Handeln? Pfff… wo kämen wir denn da hin?! Der Wert eines Menschen als mathematische Gleichung, Vorerkrankungen und Alter als die einzigen Parameter. Wenn so etwas einmal in den Köpfen angekommen ist, braucht es nicht mehr viel Vorstellungskraft, um das weiterzuspinnen. Keine Beatmung für Menschen über 80, wie es in Frankreich der Fall war[3], ist da nur der Anfang.

Und dann blickt Dörte auf mich herab. Sieht, wie ich da liege. Dort, auf dem Gang vor der Notaufnahme irgendeines hoffnungslos überfüllten, weit über jegliche Grenzen des Möglichen belasteten Krankenhauses. Um mich herum wimmeln, durch ihre Masken seltsam anonym gewordene Ärzte, Pfleger, Schwestern. Ihre Augen teilen sich dieselbe Emotion: Erschöpfung. Irgendwann beugt sich jemand über mich, sieht den bunt beklebten Dia-Sensor und schüttelt langsam den Kopf. Lohnt nicht, sagt die Geste, und zu aufwendig. Versuchen wir es lieber bei Jemandem, der noch mehr wert ist.

Jaja, vermutlich dann doch eine etwas arg düstere Dörte-Dystopie mit einem Hauch zum Mimimi. Sorry dafür, aber die Stimmung war mir einfach noch zu heiter. ッ Klar ist jedenfalls, da draußen gibt es Menschen für die gilt:

Wenn Du heute nur an Dich denkst,
sind sie morgen tot!

Und mit „sie“ meine ich auch mich.


„Für jemanden, der an Diabetes leidet, aber gut damit zurechtkommt, gibt es keinen Grund, dieses Jahr zu sterben. Erkrankt er oder sie an Covid-19, steigt das Risiko dafür stark an.“ [4]

[1] Tagesspiegel, 19.03.2020: Armee transportiert Leichen mit LKW ab
[2] n-tv, 03.04.2020: New York lässt Gefangene Massengräber ausheben
[3] Tagesspiegel, 27.03.2020: Patienten über 80 Jahre werden nicht mehr beatmet
[4] Spektrum, 28.04.2020: Covid-19 tötet Menschen, die nicht so bald gestorben wären

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Bratwurst mit …

Stadtfest

Ich sitze mit meinem Jüngsten bei einer Imbissbude auf der Bank, genieße völlig Dia-tiefenentspannt eine leckere Bratwurst ohne Brötchen, ein paar letzte Sonnenstrahlen und das Leben im Allgemeinen. Da nimmt mir gegenüber eine Dame gehobenen Alters Platz. Bevor sie mit dem Essen beginnt, zeigt sie auf meinen FreeStyle Sensor und sagt ganz nett: „Sie haben da was am Arm.“

„Ich weiß“, entgegne ich ebenso freundlich. Ich gehe kurz in mich, entscheide mich aber gegen einen Spontanvortrag zum Thema Aktuelle Technik im Diabetes-Selbst-Management und widme mich stattdessen wieder meiner Bratwurst.

„Nein, nein.“ Die Dame lässt nicht locker, zeigt erneut auf meinen Sensor, „Sie haben da was. Am Arm!

Die Hartnäckigkeit beeindruckt mich und normalerweise begrüße ich diese Neugier, gibt sie mir doch die Gelegenheit zur Aufklärung. Bloß gerade jetzt, in diesem Moment, nicht. „Ich weiß!“ Zugegebenermaßen etwas egoistisch stelle ich meinen persönlichen Genuss über meine Rolle als Dia-Botschafter und entscheide mich für die nahrungsaufnahme-optimierte Kurzfassung: „Das ist ein Blutzucker-Sensor.“ Ich hoffe mein Ton hat genügend Nachdruck, ohne dabei an Höflichkeit einzubüßen. Bei letzterem bin ich mir nicht so sicher.

Jedoch… meine Worte scheinen die gewünschte Wirkung zu verfehlen.

„Nein.“, schüttelt sie mit dem Kopf und noch bevor ich der verbalen Ungeduld verfallen kann fügt sie schnell hinzu: „Ich glaube, das ist Senf.“

*ein-augenblick-der-stille*
*mein-blick-wandert-nach-links*
*senf*
*mein-blick-wandert-zu-ihr*
*sie-nickt*

Während ich etwas unbeholfen mit meinen Fingern einen großen Klecks Senf von meinem Arm entferne, murmel ich ein leises „Danke schön. Das war sehr nett von Ihnen.“

Und die Moral…

Manchmal ist es kein Diabetes.
Manchmal ist es nur Senf.   ッ

 

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#6: Teufels-Looping

DBW-2018Diabetes-Blog-Woche
— Tag 6 —

Heute: Warum ich loope oder nicht loope?

„Frau D.-D., schön dass Sie heute zu uns gekommen sind.“ — „Schön? Bei dem Thema? Das können Sie ja nun wahrlich nicht schön nennen.“

Ein Interview und Hilfeschrei

Vor uns sitzt Frau D.-D. aus S., einer kleinen Stadt am südlichen Zipfel des schönen Ruhrgebiets.

„Möchten Sie sich vielleicht erst einmal vorstellen?“

„Ja. Mein Name ist Dör… äh… nennen Sie mich einfach Frau D. Ich bin professionelle Krankheit, ausgebildet in Diabetes. Jahrgangsbeste, möchte ich hinzufügen. Aber das nutzt ja bald kaum noch was.“

„Aha. Frau D., Sie möchten auf eine Entwicklung aufmerksam machen, die Sie für sehr bedenklich halten.“

„Bedenklich? Dramatisch wäre das richtige Wort. Diese moderne Technik im Allgemeinen ist ja schon schlimm genug, aber die hatten wir bislang ganz gut im Griff. Sie wissen ja, Haftungsfragen, Studien, elendig lange Zulassungsverfahren, usw. Wir sitzen in allen Gremien. Jetzt aber kommen diese geschlossenen Kreisläufe auf den Markt, diese Closed-Loop-Systeme und die bedrohen ernsthaft unsere Existenz. Das Ausmaß ist vielen gar nicht bewusst.

„Können Sie für unsere Leser vielleicht in einfachen Worten beschreiben, was so ein Closed-Loop-System ist?“

„Teufelswerk ist das. Teufelswerk! Ach so, Sie meinten die Funktionsweise. Na gut. Closed-Loop-Systeme verbinden ein Blutzucker-Messsystem mit einer Insulinpumpe. Vereinfacht gesagt wird es dadurch möglich, die Insulinabgabe an den Blutzucker anzupassen. Etwas mehr Insulin bei hohen Werten, etwas weniger bei niedrigen Werten. Fast so wie die echte Bauchspeicheldrüse.“ — Sie hält sich die Hand vor den Mund, als würde ihr schlecht werden — „Und jetzt kommt’s: das passiert VÖLLIG AUTOMATISCH!

Ihr Kopf läuft leicht rot an. Dieses Thema scheint sie wirklich mitzunehmen.

„Verstehe. Das betrifft Sie ja auch persönlich, richtig?“

„Noch nicht. Mein Sklav… äh… Gastgeber, wollte ich sagen. Mein Gastgeber bekommt noch keine Pumpe. Remissionsphase, verstehen Sie? Seine Bauchspeicheldrüse ist ein ganz schön harter Brocken. Die wehrt sich, wo sie nur kann, aber“ — und dann lacht sie so schaurig, dass in meinem Kaltgetränk spontan zwei neue Eiswürfel entstehen — „das bekomme ich schon hin. Eine gute Diabetes-Ausbildung, wissen Sie, davon zehren Sie ein Leben lang. Bloß helfen wird das kaum. Der gute Mann interessiert sich nicht einmal für die Fertig-Systeme. Der möchte so ein Closed-Loop am liebsten selbst bauen, mit diesen Community-Projekten rund um OpenAPS und so. Wenn ich diese Gutmenschen in die Finger bekomme, diese Frau Lewis, dann… dann…

Inzwischen scheint ihr ganzer Kopf zu pulsieren. Jeder Vulkan wäre blass vor Neid angesichts dieses leuchtenden Rots.

„OpenAPS. Wo soll ich da bloß anfangen?! Das ist fast schon Blasphemie an der menschlichen Krankheitsgeschichte. Jetzt überlegen Sie doch mal, Diabetes ist doch kein Schnupfen, das ist eine ausgewachsene Autoimmun-Krankheit. Die gibt es doch nicht umsonst! Wir spielen hier in der ersten Liga, ach, was sag ich, in der Champions League der Krankheiten! Wissen Sie, wie viele Menschen auf der Welt an Diabetes erkrankt sind? Das war harte Arbeit für uns. Das haben sonst nur die Kollegen vom Krebs geschafft. Und jetzt kommen da so Menschen daher und bauen sich mir nichts, dir nichts ihre eigene Bauchspeicheldrüse nach. Mit der einfachsten Technik werden Blutzuckerkurven möglich, die sind so gerade, da wird mir regelrecht schlecht von.

Ihre Halsschlagader tritt so stark hervor, als würde ihr dort gleich ein zweiter Hals wachsen. Wenn das so weitergeht, platzt ihr noch der Kopf, denke ich und schaue mich verstohlen nach einer Möglichkeit um, Deckung zu suchen.

„Und wir. Wir werden nutzlos! All die Finessen, mit denen wir unseren Menschen das Leben schwer machen, nutzlos! So ein Loop gleicht das spielend wieder aus. Selbst die besten Tricks helfen nicht. Meine Spezialität zum Beispiel: ein bisschen wetterbedingte Insulinresistenz in Kombination mit einem ausgeklügelten Hormonmix. Etwas, das sonst jeden, auch noch so geübten Diabetiker völlig aus der Bahn werfen würde, NUTZLOS! Alles haben wir schon probiert, ein Dutzend Grippehilfsarbeiter haben wir angeheuert, Fieber, Schüttelfrost, das ganze Programm. Nichts. Und dann… dann haben wir zur ultimativen Waffe gegriffen:“ — Ihre Stimme wird zu einem Flüstern. Das nächste Wort kommt nur noch in mein Ohr gekrochen. —„Kortison. Die Kollegen von den Hautkrankheiten haben da jede Menge ekeliges Zeug auf Lager. So richtig widerlich. Warten Sie, wo hab ich denn die Fotos?“ — Schnell schüttel ich den Kopf — „Na, egal, die Hauptsache war doch, es kommt Kortison zum Einsatz. Denn wenn sonst nichts mehr half, darauf war Verlass. Kortison hat wirklich noch jeden Blutzucker ins Chaos gestürzt. Aber JETZT? NUUUTTZLOOOS!!

„Wenn ich sie richtig verstanden habe, wird ihr… Gastgeber… also ein Closed-Loop einsetzen, sobald er seine Remissionsphase hinter sich hat und eine Insulinpumpe genehmigt bekommt. Haben Sie für diesen Fall schon Zukunftspläne?“

Ihre Lippen zittern leicht, als sie antwortet. Aus Wut und Entsetzen ist Resignation geworden.

„Das ist natürlich noch nicht spruchreif, aber wissen Sie, einige von uns haben schon zu den Kinderkrankheiten umgeschult. Durch die wachsende Zahl der Impfgegner haben wir gute Chancen, da nochmal ganz groß rauszukommen.“


Das war Tag 6 der Diabetes-Blog-Woche 2018.
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#4: Lebenszeitverschwendung

DBW-2018Diabetes-Blog-Woche
— Tag 4 —

Heute: Diabetes-Nebenwirkungen

„Nee, komm Dörte. Nee, jetzt gibt’s mal kein Eis. Nee, echt nicht. Ich will noch zum Sport. Wie der Zucker ist unten?! Orrr, Dörte, ich hab doch keine Zeit für sowas!

Diabetes zu haben fühlt sich manchmal so an, als müsse man auf ein sehr müdes, sehr hungriges, sehr quengeliges Kind aufpassen. Unselbstständig auf der einen Seite, zugleich aber ausgestattet mit einem beeindruckenden Einfallsreichtum und einer außerordentlichen Kreativität, die sich nur auf eine einzige Aufgabe konzentriert: die Chaotisierung eines bis dato in ruhigen Fahrwassern verlaufenden Lebens. In Dörtes Fall: meinem Leben. Herzlichen Dank, Du undankbares Blag!

Sich darum zu kümmern kostet nicht nur Kraft, das kostet vor allem eins:

Lebenszeit!

Es ist ja nicht so als hätte ich in meinen 41 Jahren besondere Langeweile verspürt und mich nur danach gesehnt, fahl gewordenen Alltagssituationen eine neue Würze zu verleihen. Wahrlich nicht. Leider hockt mir seit letztem Jahr nun trotzdem dieses nörgelnde Etwas am Bein und sorgt in jeder Minute dafür, dass die Geschwindigkeit, mit der ich mich durch mein Leben bewege, auf Rollator-Niveau abgesunken ist.

Beispiele gefällig?

Aufwachen
Als erstes wird gemessen. Seit einigen Monaten brauche ich 1,5 bis 2,5 Einheiten, um die Morgenlatte das Morgenhoch in den Griff zu bekommen. Also heißt es aufstehen, runtergehen, Pen suchen, Nadel drauf, spritzen, Müll entsorgen und das ganze in die App eintragen. Jeden Morgen!

Essen
Einfach: Frühstück. Brötchen holen. Abwiegen. Zeitpunkt abpassen (10-20 Minuten vor dem Essen). Spritzen. 10-20 Minuten warten. Los! Ach nee, zuerst muss noch die Familie zusammengetrommelt werden. Und dann fehlt natürlich immer noch irgendwas auf dem Frühstückstisch. Etwa der Kakao aus frischer Yak-Milch oder die Erdbeer-Durian-Marmelade. Wie die ist alle? Dann müssen wir wohl nochmal eben einkaufen…

Weniger einfach: Restaurants. Wieviele Kohlenhydrate hat das Essen? Wann kommt es? Kann ich schon spritzen? Mach ich das hier am Tisch oder ist mir das vielleicht unangenehm? Nicht immer bin ich da tiefenentspannt, denn nicht jeder Tischnachbar eignet sich als stiller Zeuge dieser Nadel-in-Bauch-Zeremonie.

Noch weniger einfach: Buffets in Restaurants. Über eine lange Zeit essen? Mit jedem Gang neu entscheiden, ob man noch Hunger hat, auf was, wie viel. Pfff… mit so einer Spontanität brauche ich Dörte gar nicht erst zu kommen. Wir sind doch schließlich keine Hippies. Dörte braucht Planung!

Sport
Bei meinem ersten Training nach der Diagnose war ich echt unsicher. Das ist natürlich besser geworden, die Fragen aber sind geblieben:

Was für Sport soll es werden? Ausdauer? Kraft? In welchem Bereich ist der Blutzucker gerade? Ist noch Insulin wirksam? Wie entwickelt sich der Blutzucker während des Trainings? Muss ich zwischendurch ’ne Pause machen und was essen?

Ich persönlich fände die Idee übrigens ganz großartig, sich mal zwischendurch ’ne schön scharfe Sucuk-Peperoni-Pizza ins Fitnessstudio liefern zu lassen. Während die intensiven Knoblauch-Aromen auch bis in die letzte Ecke dringen, könnte man die Blicke mit einem selbstbewussten „‚tschuldigung, muss ’ne sportbedinge Hypo abfangen.“ kommentieren. Getraut hab ich mich das aber noch nicht…

Und danach auf der Couch? Da füllen sich die Muskeln wieder auf und saugen den Zucker aus’m Blut. Also schön aufpassen, sonst droht ’ne Hypo.

Sex
Was für Sex soll es denn werden? Ausdauer? Kraft? In welchem… ok, das war Quatsch. Aber kann man so einfach abschalten wie früher? Nein. Zwischendurch messen? Passiert. Zwischendurch Pause machen und was essen? Nicht ausgeschlossen.

Ach, ihr Schlingel, ich hör‘ schon wieder Eure Gedanken. Ja, natürlich könnte ich dann flüssigen Traubenzucker aus dem Bauchnabel… aber, nee. Und jetzt stell das Nutellaglas wieder weg. Wenn die Kinder morgen die Flecken sehen, denken die, wir hätten ins Bett gekackt und müssten so langsam ins Heim.

Alkohol
Einfach: Trinken. Dörte mag Bier. Und Wein. Und Wodka. Und… Trinken ist tatsächlich einfacher als essen. Auch wenn der Blutzucker erst einmal nach oben geht, Dörte wird schon wieder nüchtern und mit ihr kommt auch der Zucker zurück in den grünen Bereich. Allerdings hört er manchmal auch kaum auf zu sinken, denn…

Weniger einfach: Betrunken schlafen gehen. Die Leber arbeitet nach dem Motto „Alcohol first, carbs second“. Wo sonst Zucker ausgeschüttet würde, wird jetzt mit Hochdruck am Abbau des Alks gearbeitet. Das kann nach dem ein oder anderen Gläschen dazu führen, dass der Blutzucker in den freien Fall geht, weil der Zuckernachschub fehlt. Leider passiert das Stunden nach dem Genuss, also zu einer Zeit, in der man gerne mal mit leichten Karussellfahrten im Kopf ins Bett gehuscht ist und friedlich schlummert. Alkohol und schlafen ist also nicht die beste Kombination.

Zwischendurch. Immer.
Blutzucker im Blick halten. Irgendeine Schätzung kann immer daneben gelegen haben und in Richtung Unterzucker hat man einfach nicht so beliebig viel Spielraum, bis es ernst wird.
An den ganzen Kram denken. Am Anfang war ich sehr gewissenhaft. Das verliert sich… leider. Inzwischen ertappe ich mich immer mal wieder, dass ich ohne Traubenzucker oder ähnlichem unterwegs bin. Es hat mich auch schon mitten im Wald beim Laufen erwischt und das war wirklich kein schönes Gefühl. Auch den Pen hab ich schon vergessen — erst letzten Montag wieder — oder die Nadeln. Ärgerlich, aber im schlimmsten Fall ist dann nur das Essen gestrichen.

Lebensbremse

Bei all den möglichen Folgen und Nebenwirkungen, die der Diabetes so mit sich bringt, ist für mich im Moment eins besonders spürbar: die Lebenszeit, die man damit vergeudet.

Vielleicht ist meine Dörte tatsächlich weniger das quengelnde Kind, das mein Leben schlimmer drosselt als ein halbes Dutzend Bananen im Auspuff eines 3er BMWs. Vielleicht wird gerade Momo Realität und sie hat bei den grauen Herren ihre Ausbildung begonnen. Nun dreht sie mit all der Zeit, die ich verschwende eine Zigarre nach der anderen. Wenn sie so weitermacht, wird sie es bis ganz nach oben schaffen. Bei dem Gedanken fühle ich fast so etwas wie Stolz. *seufz* Meine kleine Dörte. Sie werden so schnell groß…


Das war Tag 4 der Diabetes-Blog-Woche 2018.
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#3: Der 2-Komponenten-Mini-Pen

DBW-2018Diabetes-Blog-Woche
— Tag 3 —

Heute: Smarte Insulin-Pens – the next big thing?

„Na, Dörte, ’ne Idee?“„Ach, geh mir doch weg mit diesem neumodischen Kram!“

Smart. Was heißt das überhaupt? Früher, da waren die Menschen noch smart, wenn sie was in der Birne hatten. Heute ist jeder Kokolores smart, sobald es ’ne App dafür gibt oder das Ding mit diesem Internetz verbunden ist. Wohnzimmer-Funzel per App einschalten? *zack* Smart! Ich könnte auch rübergreifen und den Lichtschalter drücken, aber wo bin ich denn? In den 90ern? Nix da! Da hol ich doch lieber mein Handy raus, entsperr das kurz, such auf Seite 2… ach nee, Seite 3 die Smart Home App, klicke mich durch die Menüs und schon… ach nee… die WLAN-Verbindung ist gerade nicht da… Moment… das haben wir kurz… jetzt. *zack* Licht an. Voll smart!

Meine Kinder sind ein bisschen beeindruckt, dafür rollt meine Frau mit den Augen. Was das angeht, passen die 90er eh viel besser zu ihr, denn sie ist immer noch genau so hübsch wie 1995. Und smart ist sie auch, ganz ohne App. Wobei… so ’ne Schatzi-App… aber ich schweife ab.

Smarte Pens. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ’ne Pen-App haben möchte oder eine Verbindung ins Internet, aber es gibt tatsächlich ein paar Dinge, die ich mir für meinen Binford 8200 Dia-Pen der Zukunft wünschen würde:

2-Komponenten-Pen für mehr Flexibilität

Mit jedem Essen überlegt man neu: wie viele Kohlenhydrate sind da drin, wie schnell wirken sie, wie sehr verzögert das Fett den Anstieg und was stellen Eiweiße und Fette in ein paar Stunden mit meinem Blutzucker an? Am Ende versucht man das alles mit genau einem einzigen Insulin zu regulieren. Wie soll ein einziges Mittel, mit genau einer Wirkkurve, das schaffen können? Genau: gar nicht! Also hantiert man mit Spritz-Ess-Abständen rum, teil sein Insulin auf, spritzt mehrmals und lebt am Ende damit, dass der Blutzucker länger in unerwünschten Bereichen unterwegs ist.

Das was die Pens nicht können, ist bei Insulinpumpen schon einfacher. Hier kann man das Insulin aufteilen und bestimmte Mengen über einen wählbaren Zeitraum abgeben lassen. Was wäre wohl, wenn man sowas ähnliches auch mit einem Pen erreichen könnte? Ich stelle mir einen 2-Komponenten-Pen vor, etwa mit 2 verschiedenen Insulinen. Ein schnelles, ein langsames. Oder vielleicht ist es auch ein schnelles Insulin, das man mit einem zusätzlichen Stoff verzögern kann. Im Pen stelle ich dann einfach neben der Insulinmenge noch die gewünschte Zeit ein und der Rest passiert automatisch durch eine geeignete Kombination aus beidem.

Size matters

Mir persönlich sind die Pens einfach zu groß. Sie passen so gerade eben in die Hosentasche und das auch nur, wenn es ein klassischer Pen ist. Diese smarten Pens mit ihrer Technik sind dafür bereits zu klobig. Warum eigentlich? Warum schleppe ich die meiste Zeit viel zu viel Insulin mit mir herum? Dass ich drei Wochen lang mit einem einzigen Pen auskomme, ist doch gar nicht nötig. Ein Pen, der nur halb so groß wäre, mit Insulin für eine Woche, würde mir vollkommen reichen. Ich könnte mehrere Pens gleichzeitig anbrechen, ohne mir Gedanken über die Haltbarkeit des Insulins zu machen.
Einer für die Arbeit.
Einer für zu Hause.
Einer für die Hosentasche.
Und dort würde der Mini-Pen dann auch viel besser reinpassen.

Multi-Pen-Nadel-Kassette

Bei den Lanzetten gibt es das bereits: eine 6-in-1-Stechhilfe, die direkt mehrere Lanzetten enthält. Für den Pen wünsche ich mir das auch: eine kleine Vorrichtung, die 6 oder besser noch 10 Nadeln beherbergt. Ich schraube sie anstelle einer einzigen Nadel auf den Pen und da kann ich sie gleich mehrere Tage drauf lassen. Trotzdem bekomme ich bei jeder Benutzung eine frische Nadel und hätte außerdem wieder ein bisschen weniger Zeugs, was ich vergessen kann.

Schmerzarm

Mimimi hin oder her, ab und an tut so eine Nadel echt weh. Muss das eigentlich sein? Wie wär’s, wenn die Spitze am Pen noch eine kleine Kühlfunktion integriert hätte? Man hält sich das Ding an den Bauch, drückt den „Bitte-jetzt“-Knopf und noch bevor die Nadel zusticht wird die Stelle einfach auf 5° Grad heruntergekühlt. Dann piept es kurz, die Nadel wird reingedrückt, das passende Insulingemisch hinterher, fertig.

Ist mein 2-Komponenten-Painless-Mini-Pen mit 10er-Nadelkassette smart, so ganz ohne App und Internetanschluss? Keine Ahnung. Aber er würde mir das Leben um einiges leichter machen.


Das war Tag 3 der Diabetes-Blog-Woche 2018.
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#2: Von Dia-Sci-Fi und Giselas Eiersalat

DBW-2018Diabetes-Blog-Woche
— Tag 2 —

Heute: Wie sieht Dein Alltag mit Diabetes in 10 Jahren aus?

„Na, Dörte, ’ne Idee? Dörte? Dööööörte?“ — Weg ist sie!

In 10 Jahren

Nein, ich fürchte, auch in 10 Jahren werde ich meine Dia-Dörte noch an der Backe haben. Leider. Aber es wird sich einiges verändert haben. Mal sehen…

*Zauber-Glaskugel-Poliergeräusch*

Neue Unternehmen
Amazon und Google werden groß in das Diabetes-Geschäft einsteigen. Das wird helfen, OpenSource-Projekte wie OpenAPS und die Bemühungen um interoperable Geräte voranzutreiben. Man wird nicht nur Blutzuckersensoren und Insulinpumpen beliebig kombinieren können, es wird auch ein Ökosystem von mehr oder weniger sinnvollen Alltagshilfen entstehen.

Ich freue mich schon sehr auf den Pearl-Katalog Frühjahr/2028. Mein Lieblingsprodukt wird die Low-Sugar-Kanone mit Infrarot-Zielsystem sein. Sie verschießt treffsicher ihren Vorrat an Traubenzucker-Bonbons (mit 0,2 KE pro Sekunde) auf alle Menschen in Reichweite mit zu niedrigem Blutzucker. Wahlweise lässt sie sich auch mit M&Ms, Gummibärchen oder Joghurt-Gums befüllen und natürlich ist sie kompatibel zu allen gängigen CGM-Systemen.

Der digitalisierte Diabetes wird auch die Versicherungen auf den Plan rufen. Sie werden spezielle Tarife und Vergünstigungen für all diejenigen anbieten, die ihre Daten preisgeben. DMP-Programme werden digitalisiert und während sich vordergründig alles um die Gesundheit dreht, ist es am Ende natürlich nur das Geld. Und wie immer, wenn viel Geld im Spiel ist, wird es sehr schwer werden sich diesem Apparat entgegenzustellen. Der Großteil von uns wird zum gläsernen Diabetiker — Datenskandale inklusive.

Nicht zuletzt auch weil…

…Künstliche Intelligenz (KI)
Meine Aktivitäten, meine Orte, mein Essen. All das wird Grundlage für neue, KI-unterstützte Therapieempfehlungen werden. Momentan erinnert mich mein Handy, dass ich bei der aktuellen Verkehrslage bald losfahren sollte, um in 2 Stunden pünktlich beim Termin zu sein. In Zukunft wird es mir empfehlen, die Basalrate auf 82% zu reduzieren, um bei der aktuellen Wetterlage das wöchentliche Ausdauertraining bewältigen zu können. Abends im Restaurant bekomme ich dann Vorschläge für einen Spritz-Ess-Abstand auf Basis der Auslastung der Küche. Die Empfehlung der Insulinmenge berücksichtigt meinen Sport ebenso wie meine Blutzuckerkurven und die Erfahrungswerte anderer Diabetiker, die hier in der Vergangenheit die gleiche Pizza gegessen haben.

Und wenn man dann auf dem Heimweg, an diesem ersten Samstag im Monat, zufällig an der Ampel neben dem Swingerclub anhalten muss, liest das Auto plötzlich die neuste Dia-Empfehlung vor. Um eine Hypo zu vermeiden, solle man doch vor dem Clubbesuch mindestens 2 KE zu sich nehmen. Das habe man auf Basis der letzten 7 Besuche des anderen Diabetikers errechnen können, der gerade mit im Auto sitzt…
„Papa?!“
Die Ampel wird grün. Ein Auto hupt.

Aber vielleicht wird es ja auch ganz anders…

Eiersalat mit Zimt

31 Juli 2031. Wir sind in der Kleingartenanlage „Am glücklichen Gleis“ in Gelsenkirchen-Nord, wo Gisela Kombaloschewski (62) gerade ihren Nobelpreis für Medizin zurück in das dunkle Eiche-rustikal-Regal legt, auf das liebevoll selbst gehäkelte Deckchen. Der fröhlichen Fleischereifachverkäuferin ist der Stolz in ihr üppig geschminktes Gesicht geschrieben. „Ich hab et schon immer gewusst! ‚Heinz‘, hab ich gesagt, ‚Heinz, iss mehr Zimt, datt hat bei der Frau Dingens, da von gegenüber, auch geholfen.‘ Aber wissen se, der Heinz, der is da eigen.“ Und dann erzählt sie uns ihre Geschichte, wie ihr vor genau drei Jahren der Zimtstreuer in den guten Eiersalat gefallen sei. „Herrjemine, können se sich datt vorstellen?! Ausgerechnet in den Eiersalat, wo Heinz doch so eigen is.“ Wir halten kurz inne, ein bisschen aus Erfurcht um diesen Moment, vor allem aber weil gerade ein Güterzug vorüberrattert. Zusammen mit dem Klirren von Omas guten Kristallgläsern stimmt er eine für die Szenerie ebenso passende wie eindrucksvolle Melodie an.
In Heavy-Metal-Konzert-Lautstärke.
Erste Reihe.
Ganz außen.
Direkt vor den Boxen.
Gisela nutzt die kurze Pause und zieht ihren pinken Lippenstift nach. Kein leichtes Unterfangen, wo doch das ganze Gartenhäuschen bebt. Es ist dasselbe Pink wie auf Giselas künstlichen Fingernägeln und den Pumps, die mit ihren breiten Füßen etwas überfordert sind. Das Pink passt so perfekt zu Gisela wie ihre Leoparden-Leggings. Und Gisela passt so perfekt in diese Kleingartensiedlung wie die fünf Gartenzwerge, die rund um den moosbegrünten Vogelteich aus Marmorimitat aufgereiht sind. Als der Zug vorüber ist, erzählt Gisela den Rest ihrer Eiersalatgeschichte. Sie versuchte zu retten, was zu retten war und erhöhte gnadenlos den Fleischwurstanteil („mit“, betont Gisela, „Bestellen se immer ‚Fleischwurst mit‘! Ohne, wissen se, da fehlt nich nur der Knoblauch, da lassen sie manchmal auch datt Salz wech.“). Und dann kam das Wunder von Gelsenkirchen-Nord: Heinz verlor seinen Diabetes. Sie konnten es erst nicht glauben und so ging es auch dem Rest der Welt. Zwei Jahre haben die Forschungen gedauert, überall auf Welt, bis auch der letzte Zweifel ausgeräumt und die Sensation perfekt war. Die Mischung aus Giselas Eiersalat, jeder Menge Fleischwurst „mit“ und einer Überdosis Zimt heilt tatsächlich Diabetes. Der Rest ist Geschichte.
Mein Blick gleitet auf das Bild an der Wand, das Gisela bei der Verleihung in Stockholm zeigt. In der einen Hand den Nobelpreis, in der anderen ein Töpfchen Eiersalat und daneben das Komitee, das merklich mit der Fassung ringt. Das Pink von Giselas Nägeln passte damals schon gut zu ihr, denk ich. Und zu ihrer Leoparden-Leggings.


Das war Tag 2 der Diabetes-Blog-Woche 2018.
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