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To motz or not to motz

Kennt Ihr das? Dieses hin und hergerissen sein zwischen übler Laune und der inneren „Think positive!“-Bewegung. Als ob da gerade ein Tauziehen um den eigenen Gemütszustand stattfinden würde (mit mir als Tau). Auf der linken Seite wird Grumpy Dörte angemoppert: „Boah, gehst Du mir auf den S…enkel! Nicht EINMAL kann man Dich alleine lassen. Nicht EIN-MAL!“, während von rechts ein rosa Einhorn durchs Bild reitet und farbenfrohe Gute-Laune-Banner hinter sich her zieht; darauf Sprüche wie „Ach, komm, könnte schlimmer kommen! *zwinkersmiley*“ und „Kopf hoch, meckern hilft doch auch nichts! *keckerkussmund*“

„Es gibt ja auch Schlimmeres als Diabetes.“

„Herrrrrzlich Willkommen meine Damen und Herren bei der Olympiade der schlimmsten Krankheiten dieser Welt. Im gemischten Doppel treten an: aus einem kleinen Dorf am südlichen Ende des Ruhrgebiets, unscheinbar wie ihre Krankheit selbst, der Nerd mit seiner Diaaaaa-Döörteeeee. Aber, seien wir doch mal ehrlich, mit ihrem harmlosen Typ 1 Diabetes werden sie kaum die Vorrunde überstehen. Da gibt es wahrlich Schlimmeres…“

Ob man nun will oder nicht, an diesem Krankheiten-Vergleichs-Wettbewerb scheint man ganz automatisch teilzunehmen und immer wieder trifft man auf den nächsten Teufelchen_300x400Kommentator. Selbst in meiner kurzen Dia-Laufbahn habe ich dieses „Gibt Schlimmeres, woll?!“ etliche Male anhören dürfen. Klar gibt es „Schlimmeres“. „Tot sein“ zum Beispiel. So wie der Typ mir gegenüber, wenn er nicht bald seine Klappe hält. „Weißt Du überhaupt, was das heißt?!“, fahre ich ihn an. „Bei allem, was man tut, darauf achten zu müssen. Bei ALLEM! Vor dem Essen? Diabetes! Danach? Diabetes! Sport? Diabetes! Schlafen? Diabetes! SEX?! DIA-FUCKING-BETES!“. Überzeugende Aufklärungsarbeit? Kann ich! Naja… zumindest in meinem Kopf… in Wirklichkeit bin ich still oder hebe maximal ’ne Augenbraue.

Dem einzigen, dem ich diesen Gedanken ab und an zugestehe, ist mir selber. An diesen Katastrophen-freien Tagen, an denen die Blutzucker-Kurve einer grünen Wiese gleicht und alles zu funktionieren scheint. Da sehe ich Dia-Dörte und mich, wie wir Hand in Hand in den Sonnenuntergang hüpfen, fröhlich pfeifend, in wehenden Sommerkleidern (das mir erstaunlich gut steht). Keine Zuckerberge oder Hypo-Täler in Sicht, alles fühlt sich so kinderleicht an. Druck? Folgeerkrankungen? Ach was! Wie gut, dass ich nur Diabetes habe und nichts Schlimmeres…

„Ach, dann bist Du gut eingestellt?“

Auch so ein Klassiker. Ja, oft sieht die Kurve gut aus. Aber das liegt nicht daran, dass ich irgendwelche Schrauben hätte, die irgendwer nur richtig justiert hat („Eher mal festziehen wär gut, gerade die lockeren da drüben.“, haucht mir Dia-Dörte ins Ohr).

„Gut eingestellt? Klar, läuft.“ Souveränität ist schließlich mein zweiter Vorname.
(läuft, manchmal rückwärts und bergab, aber wieso sollte ich das meinem Gegenüber auf die Nase binden?!) „Gut eingestellt“, das hört sich so nach Automatik an. So nach Diabetes-Tempomat.

95 mg/dl, <klick>, läuft.

Für mich und die meisten anderen noch Zukunftsmusik. Diabetes heißt: Schaltgetriebe, ein Steuerknüppel der klemmt, ein Organ das leider nicht mehr durch den TÜV käme und hinter jeder Kurve lauert das nächste Hindernis. Und nein, das ist kein Abenteuer.

Das. Ist. Anstrengend!

Wie anstrengend, wie sehr das an einem zehrt, die Gedanken an die Risiken und Folgen, was das ständige Beobachten, Rechnen, Schätzen, Korrigieren für eine Kraft kostet, dass man irgendwann nicht mehr will, nicht mehr kann… wer möchte das schon zugeben, wo es sich doch so sehr nach Schwäche und Aufgeben anhört?

„Mimimi?“

kommt es von links und diesen verächtlichen Tonfall hat sie echt gut drauf. Aber vielleicht hat sie recht. Jammern und aufregen hilft ja doch nicht…

Positiv denken, verf…lixt nochmal!

Da gibt es dieses Zitat,

„Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

das so fürchterlich kitschig klingt, dass es direkt aus der Facebook-Meme-Hölle emporgestiegen sein könnte. Geschrieben in Comic Sans. Farbton: Glitzer! Aber manchmal… manchmal kann ich den Spruch nachempfinden. War die Diagnose ein Grund zur Freude? Sicher nicht. Aber hat der Diabetes nicht auch seine guten Seiten? Esse ich nicht viel bewusster? Viel weniger Süßes? Vielleicht sogar gesünder? Irgendwie schon. Warum sich also nicht einfach (haha!) über die paar positiven Dinge freuen?!

Während ich das schreibe, schaue ich glücklich und verträumt nach oben und sehe Engelchen_300x400meine Gedanken an all die schönen Diabetes-Errungenschaften in funkelnden Seifenblasen hoch Richtung Regenbogen schweben… <platz>… bis Dia-Dörte neben mir anfängt <platz> mit ’ner Zwille Traubenzucker-Bonbons nach ihnen zu schießen. „Freuen? Sag mal, RAUCHST Du den Traubenzucker inzwischen? Was kommt als nächstes? Amputations-Partys, wenn man ein Bein verliert? Endlich Wunschgewicht?! Juchu, nie mehr joggen?!“

Und so streiten sich Motz-Dörte und das rosa Einhorn nicht nur um die Frage, ob man gerade gute oder schlechte Laune hat, sondern vor allem darum, ob man beides zulässt. Dieses „Positiv denken!“ ist schon großartig, aber wenn es die Antwort auf jedes, noch so kleine negative Gefühl ist, ist es weniger zugesprochener Mut, sondern eher ein erhobener Zeigefinger. Ein Zeigefinger, der einem die Schwierigkeiten klein redet und die Probleme nicht mehr zugesteht.

„Hey, jetzt merkel hier nicht so rum. Mundwinkel nach oben!“

Nä!!

Time to motz! Sometimes.

Es gibt auch Zeiten der schlechten Laune. Da habe ich keine Lust mehr, hasse all den Aufwand, den der Dia mit sich bringt, all die Einschränkungen, all die verlorenen Freiheiten. HASSE es! Dann bin ich sauer und genervt und ja, sicher gibt es Schlimmeres, aber das ist mir in den Momenten herzlich egal. Dann motze ich mit Dia-Dörte um die Wette und das ist auch völlig okay so! Und wehe, dann kommt einer dieser sympatischen Mitmenschen um die Ecke mit einem „Ach, komm, ist doch NUR Diab…“ <kettensägengeräusch>

Zum Glück bin ich irgendwann leer-gemotzt und dann dreh‘ ich auch wieder ’ne Runde auf dem rosa Einhorn… in meinem Sommerkleid.

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Bestechend!

Wanted: Best of!

Für alles mögliche gibt es Tests. Kein Produkt ohne Auszeichnung, von Qualitätsurteil: sehr gut“ bis „Bestes Produkt“ (Ever! Ever!! Ever!!!1!), alles hat einen „Testsieger!“. Alles? Nein, nicht alles, denn für Pen-Nadeln ist mir bisher kein Test untergekommen, nicht einmal Erfahrungsberichte habe ich gefunden.

Drei bis vier mal steche ich mir jeden Tag eine solche Nadel in den Bauch. Jeden Tag. Etwa 100 Pen-Nadeln brauche ich im Monat und wenn meine Honeymoon-Phase vorbei ist, kommen nochmal 1 oder 2 pro Tag dazu. Das macht insgesamt über 1500 Stiche im Jahr und ich finde, für 1500 kleine Löcher in der Haut wäre der Testsieger gerade gut genug. Wenn es denn einen gäbe.

An der Produktvielfalt mangelt es dabei nicht. Mein Lieblings-Diakram-Versender hat alleine neun verschiedene 4mm Nadeln im Angebot. Neun! Da gibt es Nadeln mit „besonders geringem Durchmesser“, „ultradünne“ Nadeln und natürlich „die dünnste“ Nadel. Andere Hersteller setzen mehr auf Marketing-Blabla wie „EasyFlow“, „SuperFlow“ oder „Extrem Comfort“. Und dann gibt es noch die Nadeln mit „Anti-Coring-Technology“. Coring — das heißt übrigens „entkernen“ oder „ausstechen“. Ausstechen?! Mein Bauch ist doch kein Plätzchenteig!

Die Dörte-Skala

Mit den passenden Testgeräten hätte man vermutlich einige Aussagen objektiv überprüfen können, aber am Ende zählt doch nur eins: Je weniger <Autsch> desto besser. Jaja, Mimimi, ich weiß, aber ey: Autsch! Da hilft übrigens auch keine Speckschutzschicht, so großartig ich das finden würde („Du, Schatz, den Schoko-Crêpe hier esse ich aus rein medizinischen Gründen zum Aufbau meines schoko-gestützten Crêpeschutzschildes.“).

Mangels Testlabor habe ich mich der Fragestellung also ganz pragmatisch genähert: Im Selbstversuch, mit Stift, Block und ca. 300 Nadeln von drei verschiedenen Herstellern. Das Stechen der Nadel und das Brennen des Insulins habe ich getrennt bewertet, jeweils auf meiner persönlichen Dörte-Skala [Einheit: ].

[0 Dö]: Mhh? Man mag es kaum glauben, aber manchmal geht es komplett schmerzfrei vonstatten. Dann ist es eher so wie damals im AOL Werbespot, „Bin ich schon drin?“

[1 Dö]: Autsch! Leicht verkniffener Gesichtsausdruck, die Oberlippe zuckt ein wenig nach oben und der Herr zieht leises Luft durch die Zähne. 1 Dö, das ist unangenehm, aber es lässt sich aushalten.

[5 Dö]: Sch**ße, tut das weh! Die Nadelspitze malträtiert einen Nerv , der sich fragt, warum für ihn die UN-Antifolterkonventionen nicht gelten. Und wenn es nicht die Nadel ist, dann das Insulin. Das scheint sich ab und an in Säure zu verwandeln, um für 10 Sekunden einen subkutanen Flächenbrand auszulösen. Kennt ihr das, wenn ihr Zitronen oder Chilis schneidet und euch dann ins Auge fasst? Genau so!

Die Kandidaten

Accu Chek® Accu Fine® mit Feinschliff und Gleitbeschichtung. Die Nadeln sind ziemlich neu und werden fleißig beworben. Und was neu ist, muss doch gut sein.

BD Micro-Fine Ultra™ mit PentaPoint™ (= 5-fach Schliff), EasyFlow™ (=extra-dünner Kanülenwand) und feiner Silikonbeschichtung. Die BDs waren meine ersten Nadeln, von der Dia-Praxis ausgewählt, daher sollten sie auch mit in den Vergleich.

mylife Clickfine mit DiamondTip, 6-fach Schliff, Extra-Dünnwand-Kanüle, Click-Technologie und Spezialsilikonisierung. Sie sind mir auf der Suche nach Alternativen von einer Dia-Apotheke empfohlen worden.

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Vergleicht man die Eigenschaften und lässt das Marketingblabla weg, reduziert sich im Grunde alles auf: möglichst spitz, dünn und gleitfähig. Einzig bei den mylife verbirgt sich mit der Click-Technologie eine kleine Besonderheit: die Nadeln müssen nicht auf den Pen gedreht werden, sondern lassen sich einfach draufschieben (eben bis es <Click> macht). Ich war gespannt, ob ich ansonsten überhaupt einen Unterschied bemerken würde.

Fakten, Fakten, Fakten

Auswertung
Ich habe die schmerzlose und die schmerzhafte Erfahrung getrennt verglichen und daraus zwei Grafiken gebastelt. Die grünen Balken zeigen, wie oft ich gar nichts gemerkt habe (0 Dö). Das ist das, was man sich doch eigentlich wünscht. Je höher der grüne Balken, desto besser. Die roten Balken zeigen die Schmerzpunkte (1 Dö bis 5 Dö), wenn es dann doch weh tat. Je höher der Balken, desto schmerzhafter.

Ergebnis 1: Das Stechen

T1Dreikampf-Stechen
Grün: mylife und BD liegen etwa gleichauf; 3 von 4 Stichen waren schmerzlos (76% und 77%). Bei den Accu-Chek sind es noch 2 von 3 (66%).
Rot: Auch hier sind mylife und BD sehr ähnlich (49 und 54 Dö), die Accu-Chek waren schmerzhafter (79 Dö).

Ergebnis 2: Das Brennen

T1Dreikampf-Brennen
Grün: mylife liegt mit 92% vor den anderen beiden, die etwa gleichauf sind (BD 77%, Accu-Chek 76%).
Rot: Auch hier liegt mylife (13 Dö) deutlich vorne. BD (33 Dö) und Accu-Chek (69 Dö) haben einige Schmerzpunkte mehr gesammelt.

Die Unterschiede in dieser Kategorie haben mich etwas überrascht, weil ich keinen so deutlichen Zusammenhang zwischen der Pen-Nadel und dem Brennen erwartet hatte. Erst recht keinen, der so groß ausfällt.

And my Winner is…T1Dreikampf_Sieger-01-02.jpeg

mylife Clickfine. Während man im ersten Teil noch von Gleichstand mit den BD sprechen kann, ist der Unterschied im zweiten Teil größer. Ein weiterer Pluspunkt für die mylife ist das <Click>-Verfahren. Auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, aber sie ist praktisch und es vereinfacht das Handling.

Von den Accu-Chek war ich ein bisschen enttäuscht. Wenn etwas neu auf den Markt kommt, so hat es doch mindestens die Chance, besser als die Konkurrenz zu sein. Gemerkt habe ich davon nichts.

Und ihr so?

Jetzt zu euch!
Mich interessiert Eure Meinung. Welche Pen-Nadeln nutzt ihr? Habt ihr schon besonders gute oder schlechte Erfahrungen gemacht? Habt ihr noch Marken, die ich mal testen sollte? Dann immer her damit:

diadoerte [at] renevoss [punkt] de

Disclaimer

Der Artikel basiert ausschließlich auf meinem Bauchgefühl — b(a)uchstäblich — und nicht auf anderleuts Geldbeutel oder Meinung.

Ich hab die Nadeln ausgewählt und bezahlt (ach nee, bezahlt hat sie die Krankenkasse; macht aber nichts) und getestet wurde das alles höchst unwissenschaftlich, ohne jeden Anspruch auf Vergleichbarkeit oder Objektivität. Natürlich habe ich versucht, den Test möglichst neutral durchzuführen. Aber auch wenn es je 100 Nadeln waren, die morgens bis abends, zu Hause, unterwegs und an allen Stellen verwendet wurden, so ist das Ergebnis am Ende dann doch sehr subjektiv und kann bei Jedem von Euch anders ausgehen.

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Happy Diaversary, blöde Dörte!

Ein Jahr Dia-Dörte… unfassbar, wie schnell die Zeit vergangen ist. Wie sehr dieses Dia-Ding sich ins Leben gedrängt und dort irgendwie seinen Platz gefunden hat.
Dia-Dörte, ungebetene Begleiterin, ständige Nervensäge.
Nein, nicht lieb gewonnen, aber akzeptiert.

Jahr 1: Vom absoluten Dia-Neuling zu heute.

Vor genau einem Jahr bekam ich meinen ersten Blutzuckerwert mitgeteilt und ich wurde, von einem Moment auf den anderen, zum Dia-Dötzchen. Mit einer Schultüte, voll bepackt mit Spritzen, Nadeln und Messstreifen, Büchern über Diabetes, Heftchen mit BE-Tabellen, Apps, zuckerfreien (haha!) Gummibärchen und einer Unmenge an Fragen spazierte ich wenige Stunden später aus der Dia-Praxis. Auf einmal schien alles, selbst die einfachsten Dinge furchtbar kompliziert. Diese Unsicherheit hat mich in vielen Bereichen regelrecht gelähmt.

Sport? Bitte nicht ohne Personal Trainer mit Doktor in Diabetologie.
Essen? Essen? War das überhaupt noch möglich?

Bislang war ich beim Thema Essen so unbekümmert gewesen. Essen… da war ich doch ein alter Hase. Ok, vielleicht weniger in Sachen Zubereitung. Meine Stärken sah ich mehr im Verzehr. Vier Jahrzehnte Erfahrung konnte ich vorweisen. Mit täglichem Training. Essen, ja, essen beherrschte ich mit links. Und rechts. Und wenn ich in Höchstform war, sogar mit Besteck! Gerade bei Schoki, Kuchen, Keksen …hach… wenn ich nicht aufpasste, atmete ich im Vorbeigehen auch schon mal komplette Packungen ein.
Superheldenname: „Staubsauger“.

Mit der Diagnose änderte sich das schlagartig. Auf einmal schwebte der Begriff Kohlenhydrate wie ein Damoklesschwert über jeder Mahlzeit. Anfangs überkam mich mit jedem Essen ein beklemmendes Gefühl. War ich doch gerade dabei, meinem Körper etwas zuzumuten, womit er nicht mehr umgehen konnte. Etwas, das in den letzten Monaten regelrechtes Gift für ihn geworden war. Berichte von Folgeschäden gepaart mit einer ausgeprägten Phantasie machten es nicht gerade leichter. Bilder spukten mir im Kopf herum und verdarben mir jeglichen Genuss am Essen.

Es dauerte einige Zeit, bis sich diese Mischung aus Angst und Unsicherheit anfing zu legen. Auch wenn ich wirklich versuchte mich in Gelassenheit zu üben, sorgten manchmal schon Kleinigkeiten wie ein üppig geratenes Twix für ungeheuren Frust. Rückblickend betrachtet war dieser Prozess ein bisschen wie Laufen lernen. Gleichgewicht muss man erfahren und erfühlen; das lässt sich schlecht erklären. Ähnlich war es beim Körpergefühl, beim Umgang mit Essen, mit Insulin, mit allem. Antworten auf meine vielen Fragen gab’s und doch halfen sie nicht wirklich. Die Theorie war klar, aber ich musste es selbst erleben, mich rantasten. Schritt für Schritt. Mehr als 5 Einheiten Insulin? Auf einmal?! Anfangs für mich eine echte Überwindung. Eine Pizza im Restaurant? Ohne Waage? Nie. Im. Leben. Wie sollte das funktionieren? Waren es eher 8 oder eher 15 Einheiten? Alles war so unfassbar ungenau. Dabei reichten doch zwei Einheiten zuviel aus und *zack* würde ich bewusstlos werden. Ganz bestimmt. Oder schlimmer!

Jetzt, nach einem Jahr, ist diese Unsicherheit zum Glück in weite Ferne gerückt. Einen großen Anteil daran hat der FreeStyle Libre. Je ungewisser die Menge der Kohlenhydraten ist, desto nützlicher sind die zeitnahen und bequemen Analysen, desto wichtiger ist es, auf ungewollte Abweichungen zu reagieren, zu hohen oder zu niedrigen Blutzucker zu korrigieren, bevor es kritisch wird. Kompliziertere Themen, etwa das Ermitteln eines Spritz-Ess-Abstandes, wären für mich ohne den Libre völlig undenkbar. Und so gab es inzwischen Riesenpizzen genauso wie Tortenschlachten oder All-you-can-eat-Buffets beim Asiaten. Völlig unberechenbar, aber eben „nur“ noch eine Herausforderung und nicht mehr unmöglich. Was fürs Essen gilt, gilt ebenso für alle anderen Lebensbereiche. (Fast) alles ist möglich, auch wenn die Vorbereitungen meist aufwendiger sind (wie zum Beispiel beim Schlamm-Lauf letzten Herbst).

Ja, natürlich gibt es immer noch Frust, immer mal wieder.
Weil Dinge nicht so funktionieren wie sie sollen.
Weil Spontanität und Unbekümmertheit auf der Strecke bleiben.
Weil man sich immer und ständig und dauernd um Dia-Dörte kümmern muss… die olle Kackbratze.

Dennoch das ist das Fazit meines ersten Jahres mit Typ 1 Diabetes: (Fast) alles ist möglich. Immer noch.

#Diaversary: Feiern oder nicht?

Ab und an taucht die Frage auf, ob man denn seinen Diagnose Tag, seinen Diaversary feiern sollte oder nicht. Es gibt sogar ein tolles Projekt dazu: diaversary.org. Für mich ist die Antwort ein klares Ja! Natürlich feiere ich nicht die Diagnose selbst oder meinen neuen Nebenjob als Hilfs-Pancreas dritter Klasse. Sooo knorke finde ich das dann doch nicht. Aber es ist ein weiteres Jahr — mein erstes — in dem man sich von dem Scheiß nicht hat unterkriegen lassen. Überstanden, überlebt, gemeistert.

I > ⋀ ⋁

Wir sind stärker als unsere Hochs und Tiefs und um mir das, in aller Ruhe, auch selbst nochmal klar zu machen, lasse ich es mir heute ganz besonders gut gehen. In diesem Sinne: Ein Toast auf alle Dia-Bezwinger, von Typ 1 bis Typ F, und dazu einen riesigen Dank an alle, die uns dabei unterstützen!

Auf uns!
Prost und guten Appetit! ッ

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Hypochondrischer Herbst

Und dann sind da diese Tage…

Tage, an denen einer meiner Jungs auf einmal trinkt, als käme er gerade von einem mehrtägigen Fußmarsch zurück.
Durch die Wüste Gobi.
Ohne Wasservorräte, weil in seinem selbst gepackten Lieblingsrucksack neben dem ferngesteuerten Buggy leider kein Platz mehr war.

Nach seinem dritten Glas werde ich aufmerksam, bei Nr. vier hake ich im Kopf mögliche Erklärungen ab. Was hat er gegessen? War er heute beim Sport? Hatte er vielleicht keine Zeit, keine Gelegenheit, nichts zu trinken dabei? Hat der Hamster noch seinen Leckstein? Wenn er dann nach einem *rülps* Boah, hab ich Durst!“ noch immer zur Wasserkaraffe schielt, bin ich kurz davor, in Lucky-Luke-Geschwindigkeit das Accu-Chek aus meinem (Dia-)Halfter zu ziehen.

Oder wie letztens: erst traf ich den Großen (9) nachts auf Toilette, dann erzählt er mir am Morgen, dass er in der Nacht insgesamt 3x raus musste. So fing das bei mir auch an, schießt es mir durch den Kopf. Hätte ich Ketonmessstreifen in der Hosentasche, würde ich sie ihm vermutlich in die Hand drücken. Zum Glück liegen die weit weg, unten, in meiner Dia-Kiste. Obwohl… so weit weg ist die gar nicht…. nur die Treppe runter… ich könnte sie eben holen… soll ich?

In diesen Situationen kriecht die Angst in mir empor, dass es eins meine Kinder getroffen hat. Genau in diesem Moment. Diese Angst legt sich über meinen Verstand wie Nebel, der in frühen Morgenstunden ganze Felder und Täler verschwinden lässt.

Irgendwo unter diesem beklemmenden Gefühlsnebel ist mir klar, dass das Risiko für meine beiden Jungs durch meinen eigenen Typ 1 leicht, aber nicht dramatisch gestiegen ist. Dass diese kleinen „Anzeichen“, gar keine Anzeichen, sondern vermutlich völlig harmlos sind. Dass es Niemandem hilft, in Panik auszubrechen oder auf einmal zum Helicopter-Papa zu werden.

Aber!

Ey, Gefühle, ja?! Manchmal halten sie kurz die Klappe und man glaubt, man habe sie überzeugen können. Aber meist kontern sie nach meiner durchaus gut vorbereiteten, hervorragend argumentierten und mit jeder Menge Fakten belegten Rede schlicht mit: „Mir doch egal, ich hab jetzt einfach Angst, weil ich VERDAMMT NOCHMAL NICHT WILL, DASS ES SIE AUCH ERWISCHT!“. Laut. Trotzig. Mit herausgestreckter Zunge und erhobenem Mittelfinger! Und dann startet doch der kleine Heli mit Dia-Dörte an Bord, die mal eben Ketonstreifen und Messgerät von unten holt…

PS

Heute bin ich zur Arbeit gefahren und an meiner Lieblingsstelle in dieser Jahreszeit vorbeigekommen.

Dieser Bodennebel im Herbst, früh morgens, wenn die Sonne aufgeht. Der sich auf Täler und Wiesen legt. Der ist echt mal viel zu schön, um ihn in einem Dia-Herbstblues schlecht wegkommen zu lassen…

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Gemeinsames Schlammbaden mit Dia-Dörte

Es ist eine seltsame Beziehung, die Dia-Dörte und ich im Januar begonnen haben. Zwangsehe nannte ich es mal und in der Tat kann ich sie in vielen Alltagssituationen spüren, die Dörte-from-Hell, wie sie hinter mir lauert, das Dia-Nudelholz hoch erhoben und mein Tun mit einer, jeder Kreissäge konkurrierenden Stimme kommentiert:

„Diese große, unberechenbare Pizza Calzone möchtest Du essen? Ha!“ *bämm*
„Eine Grippe bekommen und dasselbe spritzen wie gestern? Ha!“ *bämm*
„Sport treiben ohne nachzudenken? Ha!“ *bämm*

Jedesmal saust das Nudelholz herab und schlägt eine ordentliche Kerbe in meine Blutzuckerkurve. Schluss damit, dachte ich mir irgendwann. Zumindest im Kopf wollte ich mal wieder die Oberhand zurückgewinnen!

X-was?

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(© by Sportograf)

„But I always keep in mind that without challenge, there is no strength.“Eine Herausforderung musste her.

Letztes Jahr war ich bei so einem Schlammspektakel angemeldet. Diese Art Events, bei denen man freiwillig ein paar Kilometer durch Matsch und Dreck läuft, manchmal kriecht und klettert, sich die Ellenbogen aufschürft, im Eiswasser taucht, Bretterwände, Netze und sonstigen Schabernack bewältigt. Leider hatte damals mein Meniskus Veto eingelegt und die Teilnahme verhindert. Nun aber stand Xletix NRW 2017 vor der Tür, das Knie war okay, ich wog 13kg weniger (was mindestens bei der 3m Bretterwand die anderen Teammitglieder freuen sollte) und ich fühlte mich halbwegs fit — was also könnte mich diesmal abhalten? Dia-Dörte etwa? Ha! HA!!

Vorbereitungen

Ich fragte mich, was man wohl beachten muss, wenn man sich mit seiner Dia-Braut durch den Schlamm wälzen möchte? Wie bekommt man all die Technik unbeschadet durch Dreck und Wasser? Verlasse ich mich auf den Libre oder messe ich blutig? In welchem Bereich sollte mein Blutzucker liegen? Brauchte ich unterwegs Insulin?

20170903_082638-ANIMATIONIch schaute ein paar Youtube-Videos („I’m an athlete… who happens to have Type 1 Diabetes. Not the other way around.“) und las alle Erfahrungsberichte zum Thema Diabetes und Schlamm und Laufen. Langsam entstand ein Plan: Ich wollte mit etwa 200 mg/dL starten (moderat über meinem grünen Bereich) und kurz vorher noch einen 1 KE-Müsliriegel futtern. Bisher wirkte Sport bei mir ausschließlich BZ-senkend, daher sollte mein Insulin-Pen nicht mit. Meinen Libre Sensor wollte ich mit einem Rundum-Sorglos-Tape schützen und das Lesegerät packte ich in die patentierte Gerät-in-Kondom-in-Zipperbeutel-Schutzhülle — gerippt und mit Noppen erhielt das Display sogar eine eingebaute Brailleschrift (warum wir sowas im Haus hatten, ließ sich allerdings trotz gründlicher Recherche nicht endgültig klären ).

Wir starteten als Team von 15 Personen, wovon ich die wenigsten kannte. Sollte ich nochmal alle über meinen Diabetes informieren? Ich wollte keine Unruhe verbreiten und vor allem wollte ich nicht den Eindruck erwecken, man müsse sich besonders um mich kümmern. Auf der anderen Seite, für den absoluten Notfall (und natürlich flüsterte mir Dörte bereits mit heiserer Stimme Horrorszenarien ins Ohr) war es sicher besser, die anderen wüssten Bescheid. Meine kurze Nachricht wurde zum Glück sehr unspektakulär aufgenommen („Ach, kenn ich. Hat meine Freundin auch.“).

Aufgeregt? Nööööö!

Je näher der Termin kam, desto aufgeregter wurde ich. Schon Tage vorher begannen meine Liebste und ich uns gegenseitig verrückt zu machen. „Diese Hindernisse!“ (sie), „Dieser Diabetes!“ (ich). Ruhig und entspannt? Ha! Dia-Dörte hüpfte in mir wie ein Schimpanse auf Ecstasy. In einer Gummizelle. Aus Bananenschalen. *boing-boing-boing* Hatte ich an alles gedacht? Lesegerät? Traubenzucker? *boing-boing* Blutzuckermessgerät als Notfallersatz? Würde das Kondom halten? *boing-boing-boing* Übersteht das Tape den Matsch? Schaffte ich die Kletterpartien, ohne mir den Sensor abzureißen? *boing-boing*

Nico (6) stellte kurz vorher noch die Grundsatzfrage: „WARUM? Warum macht ihr das?“ Eine Frage, die wir öfters hörten. Unsere Antwort „Weil… es Spaß macht?!“ entsprang mehr unserer Hoffnung denn der Gewissheit, aber für Jungs in dem Alter klingt sie total plausibel. Hey, Matsch und Dreck und Schlamm! Die Blicke, die wir sonst so ernteten, konnte man dagegen eher als höfliche Empfehlung verstehen, sich den eigenen Menschenverstand mal lieber professionell untersuchen zu lassen…

T1D, irgendwer?

Der Tag der Tage.
Sachen packen.
Frühstücken.
Hinfahren.
Parken.
Anmelden.
*zack*
Schon standen wir im Startbereich, hatten grüne Schminke im Gesicht und tummelten uns in unseren Team-Shirts im Kreise Hunderter Gleichgesinnter. Apropos gleichgesinnt. Wie immer hielt ich Ausschau nach anderen Libre-Sensoren, Pumpen oder sonstigen Anzeichen für Dia-Verbündete. Vergeblich. Bis mich eine Mama aus dem eigenen Team ansprach. Ihre Tochter (11), die zum Zuschauen und Anfeuern mitgekommen war, hatte ebenfalls Typ 1 und wie sich herausstellte, fast zur selben Zeit bekommen wie ich. Oh Mann! Ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Am liebsten hätte ich ihr irgendwie Mut gemacht, gesagt, dass sie sich bloß nicht unterkriegen lassen soll, aber ich hatte keine Ahnung wie. Und mal ehrlich… was hätte ich als 11 Jähriger gedacht, wenn auf einmal so ein alter Kerl vor Dir steht und seltsame Reden schwingt? Es wäre mir wohl reichlich seltsam vorgekommen. Wir beließen es also bei einer generationen-übergreifenden Einschätzung der Gesamtsituation: „So’n Scheiß braucht kein Mensch, oder?!“ Und vermutlich war damit auch das Wichtigste gesagt.

Der Lauf

Irgendwann wurde die 12 Uhr Welle in den Startbereich gerufen — es ging los! Die Jungs und Mädels von Gettoworkout waren fürs Aufwärmen verantwortlich. Muskelbepackt, durchtrainiert und lautstark standen sie auf der Bühne und feuerten uns an. Nach wenigen Sekunden war klar, hier geht Niemand an den Start, bevor er nicht „DIE BEINE IN DIE LUFT! HÖHER! UND SCHNELLER! NOCH 10! NOCH 9! LOS, GAS GEBEN! NOCH 5! ICH WILL EURE BEINE SEHEN!!!1elf! WOOHAAAA!!!!“ sich warm gemacht hatte.

Passend motiviert („WOOHAAA!“) ging es danach los auf die Strecke…

(viele Bilder © by Sportograf)

… und die Strecke machte unfassbar viel Spaß. Wir liefen die Terrassen des Steinbruchs entlang, vorbei an monströsen Baggern, allerlei Gerät, riesigen Felsen, kurz: einer Dreckgrube, die wie gemacht war für so ein Event. Hinter jeder zweiten Kurve bedauerte ich, von dieser grandiosen Kulisse keine Fotos machen zu können. Alle paar hundert Meter kam ein Hindernis. Man lief wie durch einen Kletterpark der etwas anderen Art. Meine persönlichen Highlights waren die Hindernisse, die Teamwork erforderten, wie zum Beispiel die 3m hohe Bretterwand. Ein Team, ein Ziel — der Slogan von Xletix wurde hier Realität. Und der Zusammenhalt hörte auch nicht an Teamgrenzen auf. Die Teilnehmer unterstützten sich gegenseitig, ausnahmslos. Die Stimmung auf der Strecke war großartig. Als Herausforderung empfand ich alles, bei dem man ins Wasser oder komplett in den Schlamm musste. Dort blitzten immer wieder Sorgen um die Technik auf. Bei drei Hindernissen habe ich die Dia-Tasche dann auch beiseite gelegt oder kurz einem anderen Läufer gegeben. Auch das klappte super.

Apropos super. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass meine Dia-Dörte ein kleiner Dreckspatz ist, aber sie hat sich den ganzen Lauf lang nicht gerührt. Brav blieb der Zucker im Bereich um die 200 mg/dL, das Lesegerät hat durch Zipperbeutel und Kondom hindurch einwandfrei funktioniert, der Sensor blieb schön, wo er ist und auch ich blieb nirgends hängen — insgesamt hätte es nicht besser laufen können. Die Illusion, man könne vielleicht blutig messen, erledigte sich übrigens bereits nach etwa 5m, als wir durch das erste Schlammloch mussten. Danach hätte man nur noch den Zuckergehalt des Wuppertaler Steinbruchstaubs messen können.

6 km, 15 Hindernisse und etwa 1 ½ Stunden später waren wir am Ziel. Schaum und Dreck machten uns zu einer Kombination aus Schneehühnern und Astronauten, aber wir waren total glücklich! Uns durchflutete eine Mischung aus Begeisterung und Stolz: „Yeah, alle Hindernisse geschafft!“ (meine Süße) „Yeah, Duck Fiabetes!“ (ich) „Schade, dass es schon vorbei ist.“ (wir beide)

Dia-Dörtes Revenge

Natürlich! Natürlich wachte Dia-Dörte irgendwann aus ihrem Fango-Schönheitsschlaf auf und dachte sich wohl, dass der Tag zu gut gelaufen war. Kurz vor unserer kleinen After-Run-Grillparty, auf der ich passenderweise mit dem Finisher-Shirt erscheinen wollte, nähte die kleine Hexe noch schnell die Armlöcher auf Zahnstochergröße zusammen. Als ich mir dann beim schwungvollen Anziehen den Sensor abriss, hörte ich sie leise kichern. Wie konnte ich auch nur geglaubt haben, ich hätte sie unter Kontrolle…

Nach dem Lauf ist vor dem Lauf

Das Event hat uns so sehr begeistert, dass die ersten Planungen für 2018 bereits stehen. Frei nach dem Motto öfter, länger, dreckiger sieht unsere Liste aktuell so aus:

Auf dass es ein dreckiges 2018 wird! WOOHAAA!!

Und wer ist von Euch dabei?

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Spritz-Ess-Dingens-Magie

„Einen Spritz-Ess-Abstand brauchst Du nicht!“, haben sie gesagt.
„Die aktuellen Insuline sind schnell genug!“, haben sie gesagt.
„Das macht alles unnötig kompliziert.“, haben sie gesagt.

Ha!

Aber fangen wir vorne an…

Was ist dieses Spritz-Ess-Dingens eigentlich?

Jemand, der den Begriff Spritz-Ess-Abstand das erste mal hört… wobei… nein… ich werde präziser: Jemand mit einem beträchtlichen Anteil an, in der Pubertät hängen gebliebener Gehirnzellen — also: Männer — solch einem Jemand möchte ich, bevor er sich womöglich von einer gewissen Zweideutigkeit in die Irre geleitet fühlt, helfend sagen: Nein, der Spritz-Ess-Abstand hat nichts mit postkoitaler Nahrungsaufnahme zu tun! 

Beim Spritz-Ess-Abstand geht es vielmehr um die Frage, wann man sich am besten das Insulin zum Essen verabreichen sollte. Vorher? Nachher? Mit wie viel Abstand? Und warum macht man sich überhaupt so einen Kopf darum?

[*Erklärbär-Stimme-AN*] Beim Essen liefern sich Insulin und Kohlenhydrate ein Wettrennen. Das Insulin senkt den Blutzuckerspiegel, die KH lassen ihn steigen. Im Idealfall sollte das möglichst ausgeglichen geschehen, aber dafür muss man was tun. Da das Insulin eine gewisse Zeit braucht bis es wirkt (meist trödelt es erst ein bisschen im Bauchfett herum), geht es nicht alleine um die richtige Menge Insulin, sondern auch um den Abstand zum Essen: Tadaaa, genau das ist der Spritz-Ess-Abstand oder kurz: SEA!

Der SEA macht den Alltag nicht gerade unkomplizierter und er birgt auch das ein oder andere Risiko, so dass man Neulinge oft nicht damit belästigt. So war es auch bei mir.

SEA — Nichts für Anfänger?

Mein Essens-Insulin ist das Apidra und zu Beginn meiner Diabetes-Karriere hieß es immer: „Das Apidra ist so schnell, da braucht man keinen Spritz-Ess-Abstand.“ Das fand ich überaus praktisch, denn dadurch konnte ich spritzen und sofort losfuttern. Mein Zuckerpegel erreichte allerdings häufiger mal die 250 mg/dl oder überschritt sie sogar und er brauchte auch mal länger, bis er wieder im grünen Bereich ankam. Meine durchschnittlichen Blutzuckerkurven zeigen das ganz gut:

AGP_ohne_SEA

(Max 294 mg/dl, 90%-Max. 260 mg/dl, 75%-Max. 229 mg/dl, Ø 147 mg/dl)

Ich stellte mir die Frage, ob diese Spitzen nicht vielleicht doch vermeidbar wären, aber zunächst hielt die Praxis das wohl für unnötig. „Alles ok. Völlig normal. Der Zucker kommt ja wieder runter, irgendwann. Das reicht.“, hieß es.

SEA — Der Thrill des kleinen Diabetikers

So richtig zufrieden war ich damit nicht. Als ich das vor einigen Wochen nochmal in der Praxis ansprach, lenkte der Dia-Doc ein und meinte — Apidra hin oder her — wir (also: ich) könnten es ja mal mit einem Spritz-Ess-Abstand probieren (Ach!). Gesagt, getan. Ab dem nächsten Tag spritzten wir (also: ich) das Insulin etwa 15 Minuten vor dem Essen.

*Schwups!* war dieses Gefühl aus der Anfangszeit zurück, als sich jede Dosis Insulin ein bisschen gefährlich anfühlte. So, als würde ich mich in die sofortige Bewusstlosigkeit spritzen und nur eine extrem zeitnahe Nahrungsaufnahme könne mich noch davor retten. Ich möchte es nicht komplett ausschließen, auch mal hektisch zu meinem Teller gehechtet zu sein (Aus dem Weg! Ich muss zu meinen Kohlenhydraten!!!1!elf) — aus reiner Not natürlich. Gerüchte, dass es dabei zu zivilen Opfern kam, möchte ich jedoch energisch dementieren. Und wenn, dann waren es nur ganz, ganz wenige (Ey, wer stellt sich denn auch zwischen einen Diabetiker auf Insulin und sein Essen?!)
Wie auch immer… nun also die Variante für Fortgeschrittene: Spritzen und warten, dann erst essen. Ein bisschen spannend fand ich das ja schon.

Unterschiede

Auf das Ergebnis schauten wir vor zwei Wochen und es hat mich schon sehr beeindruckt, wie viel so ein Spritz-Ess-Abstand tatsächlich ausmacht. Gerade weil es anfangs hieß, er sei eigentlich unnötig. Inzwischen bleibt der Blutzuckerpegel nach dem Essen meistens unter 200 mg/dl, oft sogar ganz im grünen Bereich. Die Kurve ist ausgeglichener. Ich bin es auch. Wer hätte das gedacht?!

AGP_mit_SEA

(Max. 245 mg/dl, 90%-Max. 181 mg/dl, 75%-Max. 159 mg/dl, Ø 120 mg/dl)

Und hier nochmal im direkten Vergleich der Bereich ums Frühstück herum. Das lässt sich besonders gut gegenüberstellen, weil ich die ganze Woche über fast dasselbe frühstücke. Dasselbe Essen. Dieselbe Menge. Super für einen Vergleich.

Vergleich_AGP_Fruehstueck

(links ohne SEA, rechts mit SEA)

Lästig

So schön und beruhigend der flachere Kurvenverlauf auch ist, so lästig ist die ganze Prozedur.

Versucht mal, hungrige Kinder im Zaum zu halten, wenn das Essen eigentlich schon fertig ist, „aber Papa noch einen Moment braucht.“ Nein, ich finde, der SEA muss kein Familienritual werden. Müssen ja nicht alle vor dem vollen Teller sitzen und der Pizza dabei zuzusehen, wie sie mit jedem verlorenen Grad Celsius an Elastizität gewinnt.

Oder im Restaurant: habt ihr mal probiert, den Anreisezeitpunkt des bestellten Essens vorauszusagen? Nostradamus müsste man sein. Sobald dann die 15 Minuten SEA drohen zu ausgewachsenen 45 Minuten zu werden, hört man förmlich das schlürfende Trinkpäckchen-Strohhalm-Geräusch, wenn Glukose- für Glukose-Molekül aus dem Blut gezogen wird.

Bevor man unterzuckert, füllt man dann lieber mit Cola oder ähnlichem wieder auf, was natürlich das mühsam geschätzt-gerechnete Insulin-Kohlenhydrate-Verhältnis komplett über den Haufen wirft. Na, herzlichen Dank!

Apropos Verhältnis. Auch die Portionsgröße zu schätzen, bevor das Essen überhaupt da ist, gehört in die Kategorie „Herausforderung“. Verstohlen linst man da schon mal auf die Teller der Nachbartische, in der Hoffnung, irgendetwas daraus ableiten zu können (Entschuldigen Sie bitte, ist das auch das Saltimbocca? Prima! Könnten Sie vielleicht einmal ihre Gnocchi durchzählen?). Klappt aber eher selten.

Fazit

Auch wenn der Weg dahin ziemlich lästig ist, die Spontanität leidet und das Unterzuckerrisiko steigt, finde ich das Ergebnis lohnenswert. So hat am Ende der SEA auch dazu beigetragen, dass sich mein HbA1C um 0,8%-Punkte verbessert hat und damit deutlich unter die 7%-Marke gerutscht ist. Yeah!

Nachtrag

Ach ja, ohne die passende technische Unterstützung (siehe FreeStyle Libre-Story Teil 1, Teil 2 und Teil 3) wären weder die Spitzen so deutlich aufgefallen, noch hätte ich mich an einen passenden SEA herantasten können. Ein Grund mehr für alle Krankenkassen, das System (endlich!) für alle zu übernehmen und sich nicht so lächerlich zu zieren.

 

Disclaimer

Nicht, das hier Jemand glaubt, ich wolle medizinische Ratschläge erteilen. Ich habe natürlich überhaupt keine Ahnung wovon ich rede, meine das oder genau das Gegenteil, gebe weder Tipps noch spreche ich Empfehlungen aus. Im Grund solltet ihr das nicht einmal lesen, wenn Euch Eure Gesundheit lieb ist. Schließlich bin ich weder Dia-Berater noch -Doc, sondern ausschließlich Mensch mit einer gewissen Insulinabstinenz, gepaart mit Experimentierfreudigkeit und einem Hang, meine Probleme in die Welt zu posaunen.

Und überhaupt, was soll dieser Spritz-Ess-Abstand eigentlich sein? Das hat doch sicher was mit Sex zu tun, Ihr kleinen Ferkel!

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Diabetes zum Ausprobieren

JETZT NEU: Das Set „Diabetes zum Ausprobieren“ für Typ-WTF Diabetiker und die, die es werden wollen.

Wer kennt sie nicht!? Die freundlichen Menschen in unserer Umgebung, die stets ebenso hilfsbereit wie ungefragt mit guten Tipps und Ratschlägen zur Seite stehen.

Damit meine ich nicht unsere Freunde und Familie (liebevoll Typ-F Diabetiker genannt), die wirklich interessiert sind, uns unterstützen wollen, die unsere (neuen) Schwächen akzeptieren und einsehen, dass wir vermutlich schon am besten wissen, was wir tun.

Nein, ich meine die anderen, die uns fröhlich ein „iss das doch, du kannst doch spritzen“ entgegen flöten. Die uns mit aufbauenden Worten wie „lass Dein Leben doch nicht vom Diabetes bestimmen“ zurecht daran erinnern, wie einfach doch der Umgang mit dieser unheilbaren, chronischen Krankheit ist. Die uns mit wohl tuenden „sieh das einfach etwas lockerer“ oder „sei nicht so verkrampft“ jeden Frust besser von der Seele massieren, als es 12 Jahre Therapie könnten.

Vor kurzem las ich das erste Mal die passende Bezeichnung für diese Sorte Mensch: Typ-WTF Diabetiker (WTF wie… na, ihr wisst schon).

Jetzt ist es endlich soweit.
Endlich vorbei die Zeit, wo der Typ-WTF-ler nur zusehen muss.
Endlich kann er für einen Moment Teil unserer illustren Gemeinschaft werden.
Endlich gibt es „Diabetes zum Ausprobieren„, das Paket, das ihn die Welt mit anderen, mit unseren Augen sehen lässt.

Inhalt (reicht für 2 Wochen):

  • 1 Pen mit 99%-iger Kochsalzlösung. Der beigesetzte Entzündungshemmer auf Zitrussäurebasis sorgt für das gefürchtete Brennen, das uns ab und an nach dem Spritzen ereilt.
  • 1 Blutzuckersimulationsgerät, das einen typischen Diabetes-bestimmten Blutzucker-Verlauf nachbildet. Wird es mit dem Smartphone verbunden, reagiert es auf Bewegungen und Fotos (unterstützt werden Party-, Urlaubs- und Essensbilder) und fordert sofortige Reaktionen wie „messen“, „Kühlschrank plündern“ oder  „7 Min. stumm vor sich hin starren“.
  • 5 Pillen zur Unterstützung dieses einzigartigen Erlebnisses. Morgens eingenommen, treten die Symptome in den darauf folgenden 24 Stunden auf und halten für ca. 2 bis 4 Stunden an. Enthalten sind folgende Geschmacksrichtungen:
    • 1x Kopfschmerzen „Sanfte Explosion“
    • 1x Schwindel „Schützenfest“
    • 1x Sehstörungen „Stevie Wonder“
    • 1x Hypo-Simulation „Erstes Date“ inkl. Schweißausbruch und Zittern
    • 1x Hyper-Simulation „High 5“ mit realistischem Durstgefühl und leichtem Brechreiz

Wir empfehlen, die Pillen unbemerkt unter das Essen zu mischen, um dem Besitzer des Sets eine überraschende und dadurch besonders realistische Erfahrung zu bescheren.

Bestellt noch heute, denn die ersten 1000 Bestellungen erhalten GRATIS

  • 1x Panikattacke „Dr. House“ mit Angstzuständen vor den verschiedensten Folgeerkrankungen.
  • Einen Termin beim Diabetologen, der eine bevorstehende Fuß-Amputation bespricht und mit einem kurzen Operations-Video verdeutlicht. Als kleine Erinnerung darf das Quartett „Die schönsten Protesen der Welt“ mit nach Hause genommen werden.

 

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PS

PS: Zum Glück ist mir so ein richtig hartnäckiger Typ-WTF noch nicht begegnet. Wohl aber habe ich das ein oder andere Zitat bereits zu hören bekommen. Und auch wenn es sicher nicht böse gemeint war, wünschte ich mir in diesen Situationen manchmal so ein Probier-Set herbei. „Willkommen in meiner Welt!“ stände auf dem Karton und es würde helfen, eine wage Vorstellung dieser Diagnose zu vermitteln, welche Freiheiten sie kostet, welchen Raum sie im eigenen Denken einnimmt — so ungefragt und unerwünscht wie mancher Kommentar selbst.