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To motz or not to motz

Kennt Ihr das? Dieses hin und hergerissen sein zwischen übler Laune und der inneren „Think positive!“-Bewegung. Als ob da gerade ein Tauziehen um den eigenen Gemütszustand stattfinden würde (mit mir als Tau). Auf der linken Seite wird Grumpy Dörte angemoppert: „Boah, gehst Du mir auf den S…enkel! Nicht EINMAL kann man Dich alleine lassen. Nicht EIN-MAL!“, während von rechts ein rosa Einhorn durchs Bild reitet und farbenfrohe Gute-Laune-Banner hinter sich her zieht; darauf Sprüche wie „Ach, komm, könnte schlimmer kommen! *zwinkersmiley*“ und „Kopf hoch, meckern hilft doch auch nichts! *keckerkussmund*“

„Es gibt ja auch Schlimmeres als Diabetes.“

„Herrrrrzlich Willkommen meine Damen und Herren bei der Olympiade der schlimmsten Krankheiten dieser Welt. Im gemischten Doppel treten an: aus einem kleinen Dorf am südlichen Ende des Ruhrgebiets, unscheinbar wie ihre Krankheit selbst, der Nerd mit seiner Diaaaaa-Döörteeeee. Aber, seien wir doch mal ehrlich, mit ihrem harmlosen Typ 1 Diabetes werden sie kaum die Vorrunde überstehen. Da gibt es wahrlich Schlimmeres…“

Ob man nun will oder nicht, an diesem Krankheiten-Vergleichs-Wettbewerb scheint man ganz automatisch teilzunehmen und immer wieder trifft man auf den nächsten Teufelchen_300x400Kommentator. Selbst in meiner kurzen Dia-Laufbahn habe ich dieses „Gibt Schlimmeres, woll?!“ etliche Male anhören dürfen. Klar gibt es „Schlimmeres“. „Tot sein“ zum Beispiel. So wie der Typ mir gegenüber, wenn er nicht bald seine Klappe hält. „Weißt Du überhaupt, was das heißt?!“, fahre ich ihn an. „Bei allem, was man tut, darauf achten zu müssen. Bei ALLEM! Vor dem Essen? Diabetes! Danach? Diabetes! Sport? Diabetes! Schlafen? Diabetes! SEX?! DIA-FUCKING-BETES!“. Überzeugende Aufklärungsarbeit? Kann ich! Naja… zumindest in meinem Kopf… in Wirklichkeit bin ich still oder hebe maximal ’ne Augenbraue.

Dem einzigen, dem ich diesen Gedanken ab und an zugestehe, ist mir selber. An diesen Katastrophen-freien Tagen, an denen die Blutzucker-Kurve einer grünen Wiese gleicht und alles zu funktionieren scheint. Da sehe ich Dia-Dörte und mich, wie wir Hand in Hand in den Sonnenuntergang hüpfen, fröhlich pfeifend, in wehenden Sommerkleidern (das mir erstaunlich gut steht). Keine Zuckerberge oder Hypo-Täler in Sicht, alles fühlt sich so kinderleicht an. Druck? Folgeerkrankungen? Ach was! Wie gut, dass ich nur Diabetes habe und nichts Schlimmeres…

„Ach, dann bist Du gut eingestellt?“

Auch so ein Klassiker. Ja, oft sieht die Kurve gut aus. Aber das liegt nicht daran, dass ich irgendwelche Schrauben hätte, die irgendwer nur richtig justiert hat („Eher mal festziehen wär gut, gerade die lockeren da drüben.“, haucht mir Dia-Dörte ins Ohr).

„Gut eingestellt? Klar, läuft.“ Souveränität ist schließlich mein zweiter Vorname.
(läuft, manchmal rückwärts und bergab, aber wieso sollte ich das meinem Gegenüber auf die Nase binden?!) „Gut eingestellt“, das hört sich so nach Automatik an. So nach Diabetes-Tempomat.

95 mg/dl, <klick>, läuft.

Für mich und die meisten anderen noch Zukunftsmusik. Diabetes heißt: Schaltgetriebe, ein Steuerknüppel der klemmt, ein Organ das leider nicht mehr durch den TÜV käme und hinter jeder Kurve lauert das nächste Hindernis. Und nein, das ist kein Abenteuer.

Das. Ist. Anstrengend!

Wie anstrengend, wie sehr das an einem zehrt, die Gedanken an die Risiken und Folgen, was das ständige Beobachten, Rechnen, Schätzen, Korrigieren für eine Kraft kostet, dass man irgendwann nicht mehr will, nicht mehr kann… wer möchte das schon zugeben, wo es sich doch so sehr nach Schwäche und Aufgeben anhört?

„Mimimi?“

kommt es von links und diesen verächtlichen Tonfall hat sie echt gut drauf. Aber vielleicht hat sie recht. Jammern und aufregen hilft ja doch nicht…

Positiv denken, verf…lixt nochmal!

Da gibt es dieses Zitat,

„Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

das so fürchterlich kitschig klingt, dass es direkt aus der Facebook-Meme-Hölle emporgestiegen sein könnte. Geschrieben in Comic Sans. Farbton: Glitzer! Aber manchmal… manchmal kann ich den Spruch nachempfinden. War die Diagnose ein Grund zur Freude? Sicher nicht. Aber hat der Diabetes nicht auch seine guten Seiten? Esse ich nicht viel bewusster? Viel weniger Süßes? Vielleicht sogar gesünder? Irgendwie schon. Warum sich also nicht einfach (haha!) über die paar positiven Dinge freuen?!

Während ich das schreibe, schaue ich glücklich und verträumt nach oben und sehe Engelchen_300x400meine Gedanken an all die schönen Diabetes-Errungenschaften in funkelnden Seifenblasen hoch Richtung Regenbogen schweben… <platz>… bis Dia-Dörte neben mir anfängt <platz> mit ’ner Zwille Traubenzucker-Bonbons nach ihnen zu schießen. „Freuen? Sag mal, RAUCHST Du den Traubenzucker inzwischen? Was kommt als nächstes? Amputations-Partys, wenn man ein Bein verliert? Endlich Wunschgewicht?! Juchu, nie mehr joggen?!“

Und so streiten sich Motz-Dörte und das rosa Einhorn nicht nur um die Frage, ob man gerade gute oder schlechte Laune hat, sondern vor allem darum, ob man beides zulässt. Dieses „Positiv denken!“ ist schon großartig, aber wenn es die Antwort auf jedes, noch so kleine negative Gefühl ist, ist es weniger zugesprochener Mut, sondern eher ein erhobener Zeigefinger. Ein Zeigefinger, der einem die Schwierigkeiten klein redet und die Probleme nicht mehr zugesteht.

„Hey, jetzt merkel hier nicht so rum. Mundwinkel nach oben!“

Nä!!

Time to motz! Sometimes.

Es gibt auch Zeiten der schlechten Laune. Da habe ich keine Lust mehr, hasse all den Aufwand, den der Dia mit sich bringt, all die Einschränkungen, all die verlorenen Freiheiten. HASSE es! Dann bin ich sauer und genervt und ja, sicher gibt es Schlimmeres, aber das ist mir in den Momenten herzlich egal. Dann motze ich mit Dia-Dörte um die Wette und das ist auch völlig okay so! Und wehe, dann kommt einer dieser sympatischen Mitmenschen um die Ecke mit einem „Ach, komm, ist doch NUR Diab…“ <kettensägengeräusch>

Zum Glück bin ich irgendwann leer-gemotzt und dann dreh‘ ich auch wieder ’ne Runde auf dem rosa Einhorn… in meinem Sommerkleid.

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Happy Diaversary, blöde Dörte!

Ein Jahr Dia-Dörte… unfassbar, wie schnell die Zeit vergangen ist. Wie sehr dieses Dia-Ding sich ins Leben gedrängt und dort irgendwie seinen Platz gefunden hat.
Dia-Dörte, ungebetene Begleiterin, ständige Nervensäge.
Nein, nicht lieb gewonnen, aber akzeptiert.

Jahr 1: Vom absoluten Dia-Neuling zu heute.

Vor genau einem Jahr bekam ich meinen ersten Blutzuckerwert mitgeteilt und ich wurde, von einem Moment auf den anderen, zum Dia-Dötzchen. Mit einer Schultüte, voll bepackt mit Spritzen, Nadeln und Messstreifen, Büchern über Diabetes, Heftchen mit BE-Tabellen, Apps, zuckerfreien (haha!) Gummibärchen und einer Unmenge an Fragen spazierte ich wenige Stunden später aus der Dia-Praxis. Auf einmal schien alles, selbst die einfachsten Dinge furchtbar kompliziert. Diese Unsicherheit hat mich in vielen Bereichen regelrecht gelähmt.

Sport? Bitte nicht ohne Personal Trainer mit Doktor in Diabetologie.
Essen? Essen? War das überhaupt noch möglich?

Bislang war ich beim Thema Essen so unbekümmert gewesen. Essen… da war ich doch ein alter Hase. Ok, vielleicht weniger in Sachen Zubereitung. Meine Stärken sah ich mehr im Verzehr. Vier Jahrzehnte Erfahrung konnte ich vorweisen. Mit täglichem Training. Essen, ja, essen beherrschte ich mit links. Und rechts. Und wenn ich in Höchstform war, sogar mit Besteck! Gerade bei Schoki, Kuchen, Keksen …hach… wenn ich nicht aufpasste, atmete ich im Vorbeigehen auch schon mal komplette Packungen ein.
Superheldenname: „Staubsauger“.

Mit der Diagnose änderte sich das schlagartig. Auf einmal schwebte der Begriff Kohlenhydrate wie ein Damoklesschwert über jeder Mahlzeit. Anfangs überkam mich mit jedem Essen ein beklemmendes Gefühl. War ich doch gerade dabei, meinem Körper etwas zuzumuten, womit er nicht mehr umgehen konnte. Etwas, das in den letzten Monaten regelrechtes Gift für ihn geworden war. Berichte von Folgeschäden gepaart mit einer ausgeprägten Phantasie machten es nicht gerade leichter. Bilder spukten mir im Kopf herum und verdarben mir jeglichen Genuss am Essen.

Es dauerte einige Zeit, bis sich diese Mischung aus Angst und Unsicherheit anfing zu legen. Auch wenn ich wirklich versuchte mich in Gelassenheit zu üben, sorgten manchmal schon Kleinigkeiten wie ein üppig geratenes Twix für ungeheuren Frust. Rückblickend betrachtet war dieser Prozess ein bisschen wie Laufen lernen. Gleichgewicht muss man erfahren und erfühlen; das lässt sich schlecht erklären. Ähnlich war es beim Körpergefühl, beim Umgang mit Essen, mit Insulin, mit allem. Antworten auf meine vielen Fragen gab’s und doch halfen sie nicht wirklich. Die Theorie war klar, aber ich musste es selbst erleben, mich rantasten. Schritt für Schritt. Mehr als 5 Einheiten Insulin? Auf einmal?! Anfangs für mich eine echte Überwindung. Eine Pizza im Restaurant? Ohne Waage? Nie. Im. Leben. Wie sollte das funktionieren? Waren es eher 8 oder eher 15 Einheiten? Alles war so unfassbar ungenau. Dabei reichten doch zwei Einheiten zuviel aus und *zack* würde ich bewusstlos werden. Ganz bestimmt. Oder schlimmer!

Jetzt, nach einem Jahr, ist diese Unsicherheit zum Glück in weite Ferne gerückt. Einen großen Anteil daran hat der FreeStyle Libre. Je ungewisser die Menge der Kohlenhydraten ist, desto nützlicher sind die zeitnahen und bequemen Analysen, desto wichtiger ist es, auf ungewollte Abweichungen zu reagieren, zu hohen oder zu niedrigen Blutzucker zu korrigieren, bevor es kritisch wird. Kompliziertere Themen, etwa das Ermitteln eines Spritz-Ess-Abstandes, wären für mich ohne den Libre völlig undenkbar. Und so gab es inzwischen Riesenpizzen genauso wie Tortenschlachten oder All-you-can-eat-Buffets beim Asiaten. Völlig unberechenbar, aber eben „nur“ noch eine Herausforderung und nicht mehr unmöglich. Was fürs Essen gilt, gilt ebenso für alle anderen Lebensbereiche. (Fast) alles ist möglich, auch wenn die Vorbereitungen meist aufwendiger sind (wie zum Beispiel beim Schlamm-Lauf letzten Herbst).

Ja, natürlich gibt es immer noch Frust, immer mal wieder.
Weil Dinge nicht so funktionieren wie sie sollen.
Weil Spontanität und Unbekümmertheit auf der Strecke bleiben.
Weil man sich immer und ständig und dauernd um Dia-Dörte kümmern muss… die olle Kackbratze.

Dennoch das ist das Fazit meines ersten Jahres mit Typ 1 Diabetes: (Fast) alles ist möglich. Immer noch.

#Diaversary: Feiern oder nicht?

Ab und an taucht die Frage auf, ob man denn seinen Diagnose Tag, seinen Diaversary feiern sollte oder nicht. Es gibt sogar ein tolles Projekt dazu: diaversary.org. Für mich ist die Antwort ein klares Ja! Natürlich feiere ich nicht die Diagnose selbst oder meinen neuen Nebenjob als Hilfs-Pancreas dritter Klasse. Sooo knorke finde ich das dann doch nicht. Aber es ist ein weiteres Jahr — mein erstes — in dem man sich von dem Scheiß nicht hat unterkriegen lassen. Überstanden, überlebt, gemeistert.

I > ⋀ ⋁

Wir sind stärker als unsere Hochs und Tiefs und um mir das, in aller Ruhe, auch selbst nochmal klar zu machen, lasse ich es mir heute ganz besonders gut gehen. In diesem Sinne: Ein Toast auf alle Dia-Bezwinger, von Typ 1 bis Typ F, und dazu einen riesigen Dank an alle, die uns dabei unterstützen!

Auf uns!
Prost und guten Appetit! ッ

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Hypochondrischer Herbst

Und dann sind da diese Tage…

Tage, an denen einer meiner Jungs auf einmal trinkt, als käme er gerade von einem mehrtägigen Fußmarsch zurück.
Durch die Wüste Gobi.
Ohne Wasservorräte, weil in seinem selbst gepackten Lieblingsrucksack neben dem ferngesteuerten Buggy leider kein Platz mehr war.

Nach seinem dritten Glas werde ich aufmerksam, bei Nr. vier hake ich im Kopf mögliche Erklärungen ab. Was hat er gegessen? War er heute beim Sport? Hatte er vielleicht keine Zeit, keine Gelegenheit, nichts zu trinken dabei? Hat der Hamster noch seinen Leckstein? Wenn er dann nach einem *rülps* Boah, hab ich Durst!“ noch immer zur Wasserkaraffe schielt, bin ich kurz davor, in Lucky-Luke-Geschwindigkeit das Accu-Chek aus meinem (Dia-)Halfter zu ziehen.

Oder wie letztens: erst traf ich den Großen (9) nachts auf Toilette, dann erzählt er mir am Morgen, dass er in der Nacht insgesamt 3x raus musste. So fing das bei mir auch an, schießt es mir durch den Kopf. Hätte ich Ketonmessstreifen in der Hosentasche, würde ich sie ihm vermutlich in die Hand drücken. Zum Glück liegen die weit weg, unten, in meiner Dia-Kiste. Obwohl… so weit weg ist die gar nicht…. nur die Treppe runter… ich könnte sie eben holen… soll ich?

In diesen Situationen kriecht die Angst in mir empor, dass es eins meine Kinder getroffen hat. Genau in diesem Moment. Diese Angst legt sich über meinen Verstand wie Nebel, der in frühen Morgenstunden ganze Felder und Täler verschwinden lässt.

Irgendwo unter diesem beklemmenden Gefühlsnebel ist mir klar, dass das Risiko für meine beiden Jungs durch meinen eigenen Typ 1 leicht, aber nicht dramatisch gestiegen ist. Dass diese kleinen „Anzeichen“, gar keine Anzeichen, sondern vermutlich völlig harmlos sind. Dass es Niemandem hilft, in Panik auszubrechen oder auf einmal zum Helicopter-Papa zu werden.

Aber!

Ey, Gefühle, ja?! Manchmal halten sie kurz die Klappe und man glaubt, man habe sie überzeugen können. Aber meist kontern sie nach meiner durchaus gut vorbereiteten, hervorragend argumentierten und mit jeder Menge Fakten belegten Rede schlicht mit: „Mir doch egal, ich hab jetzt einfach Angst, weil ich VERDAMMT NOCHMAL NICHT WILL, DASS ES SIE AUCH ERWISCHT!“. Laut. Trotzig. Mit herausgestreckter Zunge und erhobenem Mittelfinger! Und dann startet doch der kleine Heli mit Dia-Dörte an Bord, die mal eben Ketonstreifen und Messgerät von unten holt…

PS

Heute bin ich zur Arbeit gefahren und an meiner Lieblingsstelle in dieser Jahreszeit vorbeigekommen.

Dieser Bodennebel im Herbst, früh morgens, wenn die Sonne aufgeht. Der sich auf Täler und Wiesen legt. Der ist echt mal viel zu schön, um ihn in einem Dia-Herbstblues schlecht wegkommen zu lassen…

Die ersten Tage in Freiheit (FreeStyle-Story, Teil 2)

Was bisher geschah…

Seit ein paar Tagen bin ich stolzer Besitzer eines FreeStyle Libre Starter-Kits, bestehend aus einem Lesegerät (das ich dank NFC-fähigem Handy nicht nutze) und einem Sensor (den ich furchtlos und mutig — naja — in meinen Arm getackert habe). Details dazu und warum mir meine Krankenkasse die Sensoren bezuschusst, könnt ihr im ersten Teil nachlesen.

Scan as Scan can

Der Sensor braucht eine Stunde, bis man das erste Mal scannen darf. In der Zeit „adaptiert er die neue Umgebung“, meint der Hersteller. Aha. Vermutlich wird er stubenrein oder stellt sich den Nachbarn vor. Also sahen meine ersten 90 Minuten etwa so aus:
60 Min: Auf die Uhr gucken — warten — nachsehen — warten — nachsehen — warten…
30 Min: Scannen. *brumm-brumm* 157. Cool! Scannen. *brumm-brumm* 169. Cool! Scannen.*brumm-brumm* 178. Cool! Scannen. Scannen. Scannen…

Groooßartiges Spielzeug Hilfsmittel! Das Abendessen wanderte langsam in meine Blutbahn und ich war live dabei; Reality-TV der etwas anderen Art. Ich hätte noch Stunden zugucken können, aber es war Zeit fürs Bett. Inzwischen war der BZ bei 186, ich war gespannt auf morgen.

Der Morgen danach

Die erste Tat: der Griff ging zum Handy, kurz entsperren, an den Arm halten *brumm-brumm*, dann ein verschlafener Blick auf  AAAHHHHHH!!!!! WAS IST DENN DAS?

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Was ich sah war eine Talfahrt, nein, eigentlich ein Sturzflug, durch den grünen in den roten Bereich und von dort ins… Nichts? Nach etwa einer Stunde im Blutzucker-Bermudadreieck kam der Wert wieder herausgekrabbelt und versteckte sich morgens scheinheilig hinter der 102. Nicht, dass ich bereits Profi in der Analyse oder Interpretation solcher Graphen wäre, aber soviel verriet mir die gesellschaftlich etablierte Farbenlehre: das rot stand vermutlich nicht für „rrrichtig optimal“.

Ehrlich gesagt war ich leicht geschockt. Allerdings mehr durch das, was ich dort sah, als durch etwas, was ich fühlte. Hatte ich unruhig geschlafen? Eigentlich nicht. Verschwitzt war ich auch nicht. Was war mit den ganzen Unterzuckerungsanzeichen, von denen ich gelesen hatte?

Hochgradig beunruhigt fuhr ich morgens direkt mal zum Dia-Doc:

„Oh, damit hätte ich nicht gerechnet.“ 

Schön, da waren wir uns ja einig. Dann folgte eine kurze Lobeshymne auf das FreeStyle, weil man diese Werte früher nicht gesehen hätte. Stimmt, dachte ich mir, wer weiß, wie oft das bereits passiert ist.

Ergebnis: ich solle das Basalinsulin reduzieren. Außerdem müsse ich nun „etwas vorsichtig“ sein und solle mir besser nachts den Wecker stellen. 3 Uhr sei eine gute Zeit. Gute Zeit? Ernsthaft? Kaum sind die eigenen Kinder aus dem Alter raus, bekommt man ungefragt ein Pflegekind namens „Diabetes-Dörte“, das mitten in der Nacht umsorgt werden möchte. Mpf!

Nacht Nr. 2

Wenn ich mir sonst den Wecker für 3 Uhr nachts stelle, hat das meist etwas mit Süden und Sonne und einem bunt bemalten Urlaubsflieger zu tun. Nicht, um sich in den Finger zu stechen.

3:03 Uhr: Trotz Mitternachtssnack war der Blutzucker inzwischen auf 87 gesunken und zwang mich zu einer Nacht-BE. Um 3 Uhr. Nach 3h Schlaf. Ich hatte eine Spitzenlaune.

Mein Sensor wohl auch, denn das Scannen am nächsten Morgen wurde mit einer Fehlermeldung quittiert. Anschließend waren sich App und Lesegerät einig, mein Sensor sei abgelaufen und müsse getauscht werden. Großartig! Mein einziger Sensor kündigte nach 1,5 Nächten fristlos seinen Dienst und ich hatte natürlich keinen Ersatz zu Hause. Und das, wo sich das Gerät bereits in der ersten Nacht erfolgreich unverzichtbar gemacht hatte.

Der zweite Morgen in Folge, bei dem leichte Panik in mir hochkroch.

Meine Todo-Liste für diesen Morgen war:

  1. Zwei Ersatzsensoren bestellen
    Der Libre hatte durch die nächtlichen BZ-Kurven tatsächlich mal Licht ins Dunkle gebracht — im wahrsten Sinne des Wortes. Also wollte ich unbedingt eine Notfallration für den Fall, dass sich mal wieder ein Sensor selbst pensionieren würde.
  2. Abott-Hotline anrufen
    Das klappte super, der Service war exzellent. Der Mitarbeiter an der Hotline war nett und obwohl ich ihm die Fehlercodes nicht durchgeben konnte (das FreeStyle Lesegerät lag zu Hause), schickte er sofort einen Ersatzsensor auf den Weg.
  3. Basal reduzieren (erneut)
    Das Absacken in der Nacht musste aufhören und außerdem fände ich es knorke, wenn Dia-Dörte und ich mal wieder durchschlafen könnten. Also: 4 minus 2 = 2; ich nannte es Toujeo light…

Happy End

Schon am nächsten Tag kam die gelb-schwarze Postkutsche mit meinem persönlichen DHL-Helden angeritten und lieferte mir die drei Sensoren. So konnte ich mich nachmittags schon wieder ausstatten und wenn er nicht gestorben ist, so läuft der Sensor noch heute…

Alternative Ursachen

Ich hab noch eine Weile über die angezeigte Unterzuckerung nachgedacht. Seltsam finde ich daran vor allem, dass ich morgens keine körperlichen Anzeichen hatte. Das passt so gar nicht zu den Erfahrungsberichten, die ich bisher zu solchen Unterzuckerungen gelesen hatte. Die Stunde im Bereich < 40 mg/dl hätte ich doch spüren müssen?!

Bei der Internetrecherche zu dem Thema bin ich auf eine alternative Erklärung gestoßen: Wenn man auf der Seite liegt, also auf dem Sensor, kann der Wert fälschlicherweise zu niedrig angezeigt werden. Der Druck auf den Sensor und die verdrängte Gewebeflüssigkeit sollen der Grund hierfür sein. Klingt ein Stück weit plausibel. Wobei… schlafen nicht so viele auf der Seite, dass dieses Problem deutlich häufiger auftreten müsste?

Wie sind Eure Erfahrungen dazu?
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Und nun zum Spocht

Da hat man ausnahmsweise die guten Vorsätze in die Tat umgesetzt, dem neuen Fitnessstudio schon ganze zwei Besuche dieses Jahr abgestattet, da grätscht der Diabetologe mit Sportverbot dazwischen. Na gut. Er hat recht und ich eine gute Ausrede.

Vor einer Woche dann bin ich das erste Mal zurück im Studio, mit einem etwas seltsamen Gefühl. Hat Sport Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel? Natürlich. Wie alles. Wahrscheinlich sinkt er, genaueres weiß ich erst hinterher. Ich bin vorbereitet und habe brav meinen 1 BE Müsliriegel verputzt, um mich von 135 auf irgendwas-darüber zu hieven.

Erst einmal kläre ich jedoch den Cheffe auf. 5 Minuten später (Fakten, Fakten, Fakten) blicke ich in sein Gesicht und sehe eine gehörige Portion Unbehagen, wenn nicht sogar ein bisschen Angst. Vermutlich stellt er sich gerade vor, wie ich von einem seiner Geräte purzel um hier, in seinem hübschen Studio und vor seinen Augen spontan zu versterben. Die Vorstellung scheint ihm nicht zu gefallen.

„Wie oft passiert Dir das so, dass Du ohnmächtig wirst?“

Himmel! Ich sollte dringend ein Wörtchen mit meinem Erklärbär wechseln. Habe ich derart übertrieben?

Gar nicht. Und das passiert auch nur super selten. Also…“

Weitere 5 Minuten später habe ich so sehr zurückgerudert, dass ich mir das Aufwärmen gleich sparen kann. Ich hätte ja alles total profimäßig im Griff, würde vorher essen, vorher messen, mittendrin auch und überhaupt, hab‘ ich Diabetes gesagt? Eigentlich meinte ich Schnupfen.

Fazit 1: Ich hatte noch nie ein so eng betreutes Training.

Fazit 2: Offenheit erzeugt oft auch Unwohlsein und Unbehagen beim Gegenüber. Ein Stück weit kann ich das verstehen; woher soll er es auch besser wissen!? Gefallen muss es mir trotzdem nicht, denn am Ende bedeutet es Vertrauensverlust in mich als Person. Vertrauen, das ich erst — mehr oder weniger mühsam — zurückgewinnen muss.

[Nachtrag: BZ nach dem Sport: 124 — also alles im grünen Bereich. Glücklicherweise bin ich weder umgekippt, noch geplant oder spontan verstorben. Cheffe und ich sind gleichermaßen froh darüber. ツ ]