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To motz or not to motz

Kennt Ihr das? Dieses hin und hergerissen sein zwischen übler Laune und der inneren „Think positive!“-Bewegung. Als ob da gerade ein Tauziehen um den eigenen Gemütszustand stattfinden würde (mit mir als Tau). Auf der linken Seite wird Grumpy Dörte angemoppert: „Boah, gehst Du mir auf den S…enkel! Nicht EINMAL kann man Dich alleine lassen. Nicht EIN-MAL!“, während von rechts ein rosa Einhorn durchs Bild reitet und farbenfrohe Gute-Laune-Banner hinter sich her zieht; darauf Sprüche wie „Ach, komm, könnte schlimmer kommen! *zwinkersmiley*“ und „Kopf hoch, meckern hilft doch auch nichts! *keckerkussmund*“

„Es gibt ja auch Schlimmeres als Diabetes.“

„Herrrrrzlich Willkommen meine Damen und Herren bei der Olympiade der schlimmsten Krankheiten dieser Welt. Im gemischten Doppel treten an: aus einem kleinen Dorf am südlichen Ende des Ruhrgebiets, unscheinbar wie ihre Krankheit selbst, der Nerd mit seiner Diaaaaa-Döörteeeee. Aber, seien wir doch mal ehrlich, mit ihrem harmlosen Typ 1 Diabetes werden sie kaum die Vorrunde überstehen. Da gibt es wahrlich Schlimmeres…“

Ob man nun will oder nicht, an diesem Krankheiten-Vergleichs-Wettbewerb scheint man ganz automatisch teilzunehmen und immer wieder trifft man auf den nächsten Teufelchen_300x400Kommentator. Selbst in meiner kurzen Dia-Laufbahn habe ich dieses „Gibt Schlimmeres, woll?!“ etliche Male anhören dürfen. Klar gibt es „Schlimmeres“. „Tot sein“ zum Beispiel. So wie der Typ mir gegenüber, wenn er nicht bald seine Klappe hält. „Weißt Du überhaupt, was das heißt?!“, fahre ich ihn an. „Bei allem, was man tut, darauf achten zu müssen. Bei ALLEM! Vor dem Essen? Diabetes! Danach? Diabetes! Sport? Diabetes! Schlafen? Diabetes! SEX?! DIA-FUCKING-BETES!“. Überzeugende Aufklärungsarbeit? Kann ich! Naja… zumindest in meinem Kopf… in Wirklichkeit bin ich still oder hebe maximal ’ne Augenbraue.

Dem einzigen, dem ich diesen Gedanken ab und an zugestehe, ist mir selber. An diesen Katastrophen-freien Tagen, an denen die Blutzucker-Kurve einer grünen Wiese gleicht und alles zu funktionieren scheint. Da sehe ich Dia-Dörte und mich, wie wir Hand in Hand in den Sonnenuntergang hüpfen, fröhlich pfeifend, in wehenden Sommerkleidern (das mir erstaunlich gut steht). Keine Zuckerberge oder Hypo-Täler in Sicht, alles fühlt sich so kinderleicht an. Druck? Folgeerkrankungen? Ach was! Wie gut, dass ich nur Diabetes habe und nichts Schlimmeres…

„Ach, dann bist Du gut eingestellt?“

Auch so ein Klassiker. Ja, oft sieht die Kurve gut aus. Aber das liegt nicht daran, dass ich irgendwelche Schrauben hätte, die irgendwer nur richtig justiert hat („Eher mal festziehen wär gut, gerade die lockeren da drüben.“, haucht mir Dia-Dörte ins Ohr).

„Gut eingestellt? Klar, läuft.“ Souveränität ist schließlich mein zweiter Vorname.
(läuft, manchmal rückwärts und bergab, aber wieso sollte ich das meinem Gegenüber auf die Nase binden?!) „Gut eingestellt“, das hört sich so nach Automatik an. So nach Diabetes-Tempomat.

95 mg/dl, <klick>, läuft.

Für mich und die meisten anderen noch Zukunftsmusik. Diabetes heißt: Schaltgetriebe, ein Steuerknüppel der klemmt, ein Organ das leider nicht mehr durch den TÜV käme und hinter jeder Kurve lauert das nächste Hindernis. Und nein, das ist kein Abenteuer.

Das. Ist. Anstrengend!

Wie anstrengend, wie sehr das an einem zehrt, die Gedanken an die Risiken und Folgen, was das ständige Beobachten, Rechnen, Schätzen, Korrigieren für eine Kraft kostet, dass man irgendwann nicht mehr will, nicht mehr kann… wer möchte das schon zugeben, wo es sich doch so sehr nach Schwäche und Aufgeben anhört?

„Mimimi?“

kommt es von links und diesen verächtlichen Tonfall hat sie echt gut drauf. Aber vielleicht hat sie recht. Jammern und aufregen hilft ja doch nicht…

Positiv denken, verf…lixt nochmal!

Da gibt es dieses Zitat,

„Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

das so fürchterlich kitschig klingt, dass es direkt aus der Facebook-Meme-Hölle emporgestiegen sein könnte. Geschrieben in Comic Sans. Farbton: Glitzer! Aber manchmal… manchmal kann ich den Spruch nachempfinden. War die Diagnose ein Grund zur Freude? Sicher nicht. Aber hat der Diabetes nicht auch seine guten Seiten? Esse ich nicht viel bewusster? Viel weniger Süßes? Vielleicht sogar gesünder? Irgendwie schon. Warum sich also nicht einfach (haha!) über die paar positiven Dinge freuen?!

Während ich das schreibe, schaue ich glücklich und verträumt nach oben und sehe Engelchen_300x400meine Gedanken an all die schönen Diabetes-Errungenschaften in funkelnden Seifenblasen hoch Richtung Regenbogen schweben… <platz>… bis Dia-Dörte neben mir anfängt <platz> mit ’ner Zwille Traubenzucker-Bonbons nach ihnen zu schießen. „Freuen? Sag mal, RAUCHST Du den Traubenzucker inzwischen? Was kommt als nächstes? Amputations-Partys, wenn man ein Bein verliert? Endlich Wunschgewicht?! Juchu, nie mehr joggen?!“

Und so streiten sich Motz-Dörte und das rosa Einhorn nicht nur um die Frage, ob man gerade gute oder schlechte Laune hat, sondern vor allem darum, ob man beides zulässt. Dieses „Positiv denken!“ ist schon großartig, aber wenn es die Antwort auf jedes, noch so kleine negative Gefühl ist, ist es weniger zugesprochener Mut, sondern eher ein erhobener Zeigefinger. Ein Zeigefinger, der einem die Schwierigkeiten klein redet und die Probleme nicht mehr zugesteht.

„Hey, jetzt merkel hier nicht so rum. Mundwinkel nach oben!“

Nä!!

Time to motz! Sometimes.

Es gibt auch Zeiten der schlechten Laune. Da habe ich keine Lust mehr, hasse all den Aufwand, den der Dia mit sich bringt, all die Einschränkungen, all die verlorenen Freiheiten. HASSE es! Dann bin ich sauer und genervt und ja, sicher gibt es Schlimmeres, aber das ist mir in den Momenten herzlich egal. Dann motze ich mit Dia-Dörte um die Wette und das ist auch völlig okay so! Und wehe, dann kommt einer dieser sympatischen Mitmenschen um die Ecke mit einem „Ach, komm, ist doch NUR Diab…“ <kettensägengeräusch>

Zum Glück bin ich irgendwann leer-gemotzt und dann dreh‘ ich auch wieder ’ne Runde auf dem rosa Einhorn… in meinem Sommerkleid.

5 Gedanken zu “To motz or not to motz

  1. polyfeux schreibt:

    Hi René, das hast Du wirklich gut geschrieben, Du sprichst mir voll aus der Seele!
    Vor allem hier musste ich echt laut auflachen – den kannte ich noch nicht:

    Klar gibt es „Schlimmeres“. „Tot sein“ zum Beispiel.

    Gefällt 1 Person

  2. Markus Radtke schreibt:

    Ich habe jetzt n Bild im Kopf. Dich im Sommerkleid. Hüpfend auf der Sommerwiese. Herrlich!

    Ich bin froh, das ich das nicht habe, aber bewundere deinen Umgang damit, habe ich ja auch schon ein paar Mal erwähnt. Nichtsdestotrotz ist es eine chronische Scheissbelastung, die einem mir in Ruhe lässt. Ja, es gibt Schlimmeres, aber das sagen vor allem Leute, die selber nicht betroffen sind.

    Just my 2 cents,

    Markus

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo,

    ich lese hier schon länger mit und bin fasziniert von deiner Art, mit den Dingen umzugehen… du hast natürlich recht, dass Krankheiten (egal welche) immer wieder problematisch werden können… Aber ganz so schlimm finde ich persönlich es jetzt auch nicht… ist aber ganz persönliche Einstellungssache – so psychischer Natur. Ich hatte mal in einem Arztbericht die Worte stehen: „Der Patient hat sich mit seiner Krankheit arrangiert und wirkt mental gefestigt.“… ich denke, wenn man einen solchen Zustand erreicht hat, ist man aus dem Schneider und lässt sich durch die ein oder andere Hypo nicht gleich verunsichern sondern behebt das Problem erst einmal um dann zu analysieren, wo genau was schief gelaufen ist…

    Mach weiter so, bleib wie du bist und vor allem: Bleib uns noch lange erhalten!

    Gefällt 1 Person

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